Wochenimpulse

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Rebekka Redinger-Kneißl
Auf der Schleimspur unterwegs
Woche vom 17.-23.10.2021

Sie kennen doch sicherlich diese „Schleimer“? Die Leute, die immer ganz nah an den wichtigen Personen dran sind. Sei es bei den Vorgesetzen, beim Pfarrer, bei Politikern oder auch schon in der Schule bei den Lehrkräften. Die tun, was auch immer nötig ist, um bei dem anderen gut dazustehen.
In der Regel sind diese Leute nicht sonderlich beliebt beim Rest der Gemeinschaft, werden Streber, eben Schleimer oder noch Schlimmeres genannt. Wenn ihre Strategie sich einzuschleimen dann auch noch von Erfolg gekrönt ist, wenn sich der Chef einlullen lässt und diese dann bevorteilt, dann ziehen sie endgültig den Zorn auf sich. Man ertappt sich auch gerne beim Nachdenken, wie man das selber anstellen könnte, um so wie die, gut beim Chef dazustehen.
Mit Jakobus und Johannes begegnen uns im Evangelium an diesem Sonntag zwei, die scheinbar zu dieser Sorte Mensch gehören. Die beiden machen noch nicht einmal einen Hehl daraus, bei ihrem „Chef“ Jesus. Denn sie bitten ihn ganz unverhohlen, sie zu seiner Rechten und Linken in seinem Reich zu platzieren. Daraufhin werden natürlich die übrigen Jünger wütend auf die beiden. Schließlich ziehen sie ja alle seit Monaten mit Jesus durch die Gegend, haben alles aufgegeben, ihre Familien zurückgelassen, um ihm nachzufolgen. Und jetzt kommen die beiden daher und fordern eine Sonderbehandlung. Unfassbar! Wie gut, können wir uns in die anderen zehn hineinversetzen. Denn dieses uns wohlvertraute, egoistische Verhalten ist eine Belastung für jede Gemeinschaft.
Wenn wir ehrlich sind, dann verstehen wir doch aber auch Jakobus und Johannes. Denn sie wollen vor allem Eines: die Wertschätzung dessen, was sie leisten durch ihren Herrn und Meister. Wer möchte nicht gerne von jemandem, der höhergestellt ist, gelobt und anerkannt werden? Wer denkt da in dem Moment schon an die anderen? Es tut einfach gut diese Bestätigung zu bekommen.
Auch Jesus kann in das Herz seiner Jünger sehen, versteht, was mit ihnen los ist. So antwortet er ziemlich diplomatisch, dass es ihm nicht zustehe, ihnen die Plätze im Himmel zuzuweisen. Für sie und auch für die anderen, die logischerweise eifersüchtig sind, hat Jesus die passende Erklärung. „Ihr solltet es eigentlich besser wissen. Ihr sollt anders leben, wer groß sein will, muss sich klein machen.“ Und dann, so lautet die große Zusage – auch an uns – gehören wir ganz nah zu ihm, völlig egal, ob direkt rechts oder links neben ihm.
Vielleicht empfiehlt es sich daran zu denken, wenn wir darüber nachsinnen, ob wir nicht auch einmal auf der Schleimspur fahren wollen.


Rebekka Redinger-Kneißl, Referentin im Haus der Begegnung


Brigitta Neckermann-Lipp
Freundschaft
Woche vom 10.-16.10.2021

Beeindruckt hat mich das Projekt „Was Sterbende am meisten bereuen“, über das die Australierin Bronnie Ware vor ein paar Jahren ein Buch geschrieben hat: Das, was Menschen im Rückblick auf ihr Leben bedauern, ist oft Ähnliches: Zu viel gearbeitet und zu wenig geliebt zu haben, zu wenig den Mut gehabt zu haben, zu sich selbst und den eigenen Gefühlen zu stehen, zu wenig Zeit für Familie und Freunde gehabt zu haben, mir nicht erlaubt zu haben, glücklich zu sein, unabhängig von dem, was ich geleistet habe.
Wir leben in einer Leistungs- und Konsumgesellschaft und müssen uns in ihr bewegen und behaupten, schon klar. Wir können uns nicht einfach außerhalb von Zeit und Raum und unseren Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten sein. Und doch spüren wir im Grunde, dass gelingendes Leben von etwas anderem als Geld, Einfluss, Prestige abhängt – vom Glück des Augenblicks etwa und von Beziehungen und Freundschaften. Als Mensch der glaubt, dass Gott mit uns in Beziehung tritt, dass er Freundschaft mit uns will, würde ich sagen: auch von meiner Freundschaft, Beziehung mit Gott.

Gottesbeziehung ist menschlichen Beziehungen ähnlich. Was macht meine menschlichen Freundschaften aus? Warum tun sie mir gut? Wodurch werden sie genährt?
Es tut mir gut, Zeit miteinander zu verbringen – nicht ständig, aber immer wieder, miteinander reden zu können, aber nicht immer reden zu müssen, gemeinsam etwas zu erleben, …
Und dann merke ich auch, dass ich Sehnsucht nach dem /der anderen habe, wenn wir uns länger nicht gesehen haben.
Manchmal spüren wir im Leben den Wunsch nach „mehr“ als dem, was täglich abläuft, die Hoffnung, in allen Schwierigkeiten einen tieferen Halt zu haben, dass mich jemand oder etwas versteht und trägt im Auf und ab des Lebens – ich nenne es „Gott“ – Gott als Freund, als Freundin.
Da darf ich sagen, was mich beschäftigt und ich muss nicht immer reden. „Wie ein Freund mit seinem Freund spricht“, sagt Ignatius von Loyola. Ich kann gemeinsam etwas unternehmen, das, was ich tue, zusammen mit Gott tun. „Jesus und ich gehen jetzt joggen“, hat eine Kollegin bei Einkehrtagen gesagt. Manchmal müssen wir auch ringen und streiten miteinander, Gott und ich – wie eben in menschlichen Beziehungen auch.
Und immer wieder holt mich die Sehnsucht danach ein, mehr Zeit füreinander zu haben: Einkehrtage, Exerzitien (im Alltag), Zeit für Stille und für Gebet …

Das ist ein möglicher Blick auf das Evangelium des Sonntags: Jesus bietet dem jungen Mann, der zu ihm kommt, seine Freundschaft an, über alle Regeln und Gebote hinaus. Der junge Mann sieht sich nicht in der Lage, diese Freundschaft anzunehmen, zu sehr ist er an andere Dinge – seinen Reichtum - gebunden. (Mk 10, 17-30)

Einen Eindruck bei mir hinterlassen hat das Projekt „Was Sterbende am meisten bereuen“ , weil es mich immer wieder aufrüttelt, darauf zu achten, was ich als erfüllend für das Leben betrachte und dem Zeit einzuräumen.

Im Vorgarten des Hauses der Begegnung steht z.Z. eine Installation „Dank im Kistl“. Schüler*innen und Erwachsene haben sich Gedanken darüber gemacht „Was ist wichtig in meinem Leben?“ „Wofür bin ich dankbar?“ und das in einer Holzkiste gestaltet. Die „Dankbarkeitskisten“ laden ein, sich an ihnen zu freuen. Und sie regen an darüber nachzudenken, was mir wichtig ist in meinem Leben. – Und dann auch mal DANKE zu sagen – den Menschen und Gott.


Brigitta Neckermann-Lipp, Referentin im Haus der Begegnung


Rebekka Redinger-Kneißl
Vom Danken und Denken
zu Erntedank

„Herr, ich will Dir danken, dass ich danken kann“, heißt es in einer Strophe des Liedes Danke, für diesen guten Morgen. Die Möglichkeit Danke zu sagen ist keine lästige Pflicht, an die wir an Erntedank wieder einmal erinnert werden – sie ist ein Geschenk.
Danken und denken, das hängt eng zusammen und so lässt uns Erntedank ins Nachsinnen und Nachspüren kommen, wofür wir dankbar sein dürfen.
Aber können wir überhaupt noch richtig dankbar sein? So bedingungslos, aus vollem Herzen?
Ertappen Sie sich nicht auch dabei, wie sie beim Danken ein eigentlich voranstellen. Eigentlich bin ich schon dankbar, aber … es könnte ja noch besser sein. Oder vergleichen Sie sich mit anderen? Irgendwo drückt mich schon der Schuh, aber es gibt ja andere, denen es noch viel schlechter geht als mir. Also bin ich dankbar, dass es mir doch noch so gut geht.
Laufen wir nicht gerade an Erntedank Gefahr, dass unser Danken mit einem Jammern auf hohem Niveau gleichzusetzen ist? Wenn wir feststellen, wie gut es uns im Vergleich zu vielen anderen geht? Dass wir hier trotz schlechter Ernteergebnisse immer noch ausreichend zu essen haben. Dass die kommende Preissteigerung bei den Nudeln zwar ein Ärgernis darstellt. Immerhin bekommen wir aber noch Nudeln in ausreichender Menge. Ein Luxus, der mit steigendem Getreidepreis für andere Völker in unerreichbare Ferne rückt. Da wird die Dankbarkeit schnell zu einem Alibi, denn immerhin bin ich ja froh, dass ich nicht dahinvegetieren muss wie andere. Die Wissenschaft spricht gar von einer Dankesschuld, eine Art schlechtem Gewissen, wenn Dankbarkeit zum Ärger wird.

Studien haben ergeben, dass Wohlstand die Art der Dankbarkeit wesentlich beeinflusst. Menschen, die zu ehrlicher Dankbarkeit fähig sind, haben meist kein Problem damit ihre Besitztümer abzugeben und zu teilen oder anders formuliert, wer nichts mehr hat, lernt anderes zu schätzen. Erst wenn wir wieder wahrnehmen können, dass das, worauf es wirklich ankommt, zu allererst Geschenk ist, dann können wir auch wieder Dankbarkeit spüren.
Genau in unser Dankbarkeits-Dilemma tritt der Herr mit seiner Heilsbotschaft. Denn er ist der Urgrund allen Seins, unser Leben ist Geschenk aus Gottes Hand. Es ist die bedingungslose Liebe, die er uns schenkt und an der wir Maß nehmen. Beim Umgang mit uns selbst, beim Umgang mit den Mitmenschen und mit der Schöpfung. Für ein Geschenk zu danken, heißt nicht, dass ich mich ausruhen kann. Erntedank, erinnert uns daran, dass die Ernte oft mit harter Arbeit verknüpft ist. Doch alle Arbeit und Mühe ist vergebens, wenn das Wachsen und Werden nicht geschenkt wird.
Danke, dein Heil kennt keine Schranken
Danke, ich halt mich fest daran
Danke, ach Herr, ich will dir danken
Dass ich danken kann.


Rebekka Redinger-Kneißl, Referentin im Haus der Begegnung


Hedwig Beier
Andere tun auch Gutes!?
Woche vom 26.09.-02.10.2021

Andere tun auch Gutes!?
Johannes einer der ersten Jünger Jesu „verklagt“ bei Jesus, dass einer im Jesu Namen Dämonen austreibt obwohl dieser nicht zum Kreis der Nachfolgenden gehört. Daher – so erwähnt der Apostel geflissentlich, haben die Jünger auch versucht, dies zu verhindern.
Dafür werden sie – wie vielleicht erwartet – nicht gelobt von Jesus: Sondern: „Hindert ihn nicht!“ ist die großzügige und weitende Antwort Jesu.
Gutes und Gott-gewirktes ist wohl nicht auf den Jüngerkreis, auf den Gemeinde-Kreis, auf den kirchlichen Kreis beschränkt. Gottes Guttaten und Pläne sind souverän, sie können sich überall und mit jedem und jeder ereignen. Eifersucht und Engherzigkeit ist nicht angebracht sondern Freude über Gutes und Heilsames. Vieles ist im Sinne Gottes auch außerhalb des eigenen Gesinnungskreises und der eigenen Zugehörigkeit. Viele Menschen sind verantwortlich und heilend unterwegs. Darauf können und sollen wir vertrauen und dies auch trostvoll glauben!
Ich verstehe diese Antwort Jesu auch als Aufruf zu personaler Geräumigkeit, das heißt zur Weitung des eigenen Geistes und Herzens und zur Fähigkeit, Anderen guten Willen und gute Motive zuzutrauen. Auf unsere Zeit übertragen, kann dies heißen: Die Gottesbeziehung und Einstellung des Menschen ist entscheidend, nicht unbedingt seine Zugehörigkeit zu Gemeinde und Kirche.
„Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.“ Dies kann vereinnahmend gelesen werden oder entgrenzend und offen dem Anderssein des Anderen und Fremdem gegenüber.
Zu großem Vertrauen sowohl in die Wege Gottes als auch in die Menschen werden wir hier ermutigt!


Hedwig Beier, Geistliche Begleiterin


Josef Fischer
Bei Jesus in der Schule
Woche vom 19.-25.09.2021

>Es gibt nichts zu fragen, ich erkläre alles auf den Millimeter genau<, stellte der Erdkundelehrer in der 1. Klasse des Gymnasiums im Schuljahr 1959/60 fest. O graue Vorzeit, möchte jemand ausrufen und auf die Wichtigkeit der Frage im Schulunterricht heute hinweisen. Doch Vorsicht. Zu allen Zeiten kostet Fragen Mut, auch heute. Den Mut, nachzufragen, die Apostel haben ihn damals nicht aufgebracht (siehe Mk 9,30-37), als Jesus sie mit der Wahrheit konfrontiert hat, die sie nicht verstanden. >Sie scheuten sich, ihn zu fragen< heißt es. Im weiteren Verlauf fragt sie nun Jesus seinerseits, was sie denn unterwegs gesprochen hätten. Da rücken sie wieder nicht mit der Sprache heraus. >Sie schwiegen<. Sie sehen sich ertappt beim gründlichen Gespräch über eines ihrer Lieblingsthemen, nämlich, wer unter ihnen der Größte sei. Sie genieren sich doch und sagen lieber nichts. Da setzt sich Jesus und ruft ein Kind. Ein Kind kann grenzenlos fragen, einem die berühmten Löcher in den Bauch. Und etwas total zu verschweigen, kaum, dass ein Kind das so leicht aushält. Wie gesagt, ein Kind ruft Jesus herbei, zum Beispiel und zur Lehre den großen und gescheiten Leuten, von denen jeder überzeugt ist, der größte, das sei schon er. Von denen keiner den Mumm hatte, im entscheidenden Moment zu fragen oder zu reden. - Ist das nicht schön? Wer ein solches Kind aufnimmt, der nimmt Jesus und Gott selber auf. Ist doch Gott von der Art des Kindes, fragt er doch unentwegt nach uns, wo wir denn stecken mit unserer Scheu, mit unserer Scham, mit unserer Sprachlosigkeit. Wer ist denn schon in eine Sprech- und Frageschule gegangen!

Josef Fischer, Domkapitular em


Rebekka Redinger-Kneißl
Einfach mal die Seele baumeln lassen
35.+36. Kalenderwoche (29.8.-11.09.2021)

Wie die Zeit vergeht. Die Sommerferien schon wieder in der Endphase. „Der Ernst des Lebens“, wie es so schön heißt, beginnt wieder für die Schülerinnen und Schüler in Bayern.
Doch auch die Ferien und wie man sie richtig nutzt, sind eine ernste Angelegenheit. Denn Ferien sind wichtig: für jede und jeden und nicht nur die diejenigen, die noch die Schulbank drücken müssen. Der Mensch ist keine Maschine, die immer durcharbeiten kann. Doch sogar die Maschine muss manchmal gewartet werden.
Auch wenn für viele die Schulferien komplett irrelevant sein mögen, so ist der Begriff der Ferien zumindest, hoffentlich positiv besetzt. Ferien, Freizeit, Freiheit, einfach einmal Ausspannen und die Dinge geschehen lassen. Das klingt zwar schön, doch so einfach ist es gar nicht. Denn das Abschalten auf Kommando funktioniert leider meist weniger als mehr.
Wir kennen aber sehr wohl das Gefühl von Stress, wie auf Knopfdruck. Ausgelöst durch vermeintliche Kleinigkeiten. Stress, der uns reizbar macht, der in uns negative Gefühle hervorruft. Jesus sagt uns im Markus-Evangelium, dass nicht die Dinge, die auf uns einprasseln das Problem sind, sondern die Dinge, die von innen aus unserem Herzen kommen: die Bosheit, der Neid, die Unvernunft und so weiter.
Diese Negativität macht sich vor allem dann breit, wenn uns alles einfach zu viel wird.
Wie schaffen wir es also unseren Akku wieder aufzuladen, damit wir wieder positiv sein können?
Da mag ein jeder so sein eigenes Rezept haben. Vielleicht schaffen wir es ja, unsere Seele Ferien machen zu lassen.


Rebekka Redinger-Kneißl, Theol. Referentin im Haus der Begegnung


Ludwig Raischl
Für Geist und Leben
33. + 34. Kalenderwoche, 15.-28.08.2021

Mitten im August feiern wir das Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel, Maria Himmelfahrt genannt. Kräuter werden gesammelt und gesegnet als Zeichen, dass wir Menschen aus Leib und Geist sind und dass es beides braucht, damit es uns gut geht.
Das Evangelium vom Fest geht zurück an den Anfang, an den Besuch Mariens bei ihrer Verwandten Elisabeth. Beide, die junge Maria und die betagte Elisabeth, sind unerwartet schwanger geworden. Maria eilt zu Elisabeth über die Berge, heißt es. Sie sucht das Gespräch über ihre Situation. Das wird beiden gut getan haben. Denn das Magnifikat, der Lobpreis, fasst diese Begegnung zusammen. „Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott meinen Retter“. Von Seele und Geist ist die Rede, von der psychischen und geistlich-spirituellen Dimension. In dieser nicht einfachen, unerwarteten und sicher herausfordernden Situation hilft Maria der Blick auf sich und auf Gott. Der Blick auf sich sagt Maria, dass sie ein Mensch ist, der mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen hat. Das drückt der lateinische Begriff Humilitas, hier übersetzt mit Niedrigkeit, aus. Das Wort Humus steckt in diesem Wort drinnen. Fruchtbarkeit ist damit verbunden. Menschliches Leben kann reifen und heranwachsen. Das lässt Maria nach der anfänglichen Unsicherheit („wie soll das geschehen“) froh gestimmt sein. Diese Freude lässt sie Jubeln. Und der Jubel hat ein Gegenüber: Gott, den sie als Retter erfahren hat. Die Antwort auf die beiden Fragen „Wer bin ich“ und „Wer bist Du, Gott“ bringt sie in das psychisch-geistliche Gleichgewicht. Ich als Geschöpf und die Erfahrung des göttlichen Du‘s als rettende Kraft tut gut und lässt Maria voll Vertrauen ihren Lebensweg gehen, durch Höhen und Tiefen, bis ans Kreuz und bis zur Gemeinschaft mit dem göttlichen Retter im Himmel.
Mitten im August feiern wir Maria Aufnahme Mariens. Es ist die Gelegenheit, sich Zeit zu nehmen für das seelisch-geistliche im Leben. Es ist die Zeit für sich und für das Gespräch mit dem göttlichen Du. Alles Gute dabei!


Ludwig Raischl, Direktor Haus der Begegnung HEILIG GEIST


Brigitta Neckermann-Lipp
Kommt!
31.+32. Kalenderwoche 1.- 14.08.2021

„Erzählen wir einander Brotgeschichten“ war die Idee eines Priesters, als er mit Menschen, die der Kirche nicht nahestanden, über Eucharistie reden sollte.
Auch den Bibelabend haben wir so begonnen: mit Brotgeschichten.
Da wurde erzählt vom Laib Brot, den das Kind jede Woche vom Bäcker geholt hat und der nie vollständig zu Hause ankam, weil das „Rampftl“ (das knusprige Randstück) einfach zu verlockend war. Und von der Schwester, die, ausgewandert, bei jedem Besuch in der Hei-mat das kleine Auto voll Brot lud, weil es im anderen Land kein „gscheits“ Brot gab – ein Fiat Panda voller Duft der Heimat …. Und noch viele andere zu Herzen gehende, schöne, traurige, lustige, bewegende Erzählungen. Banal war keine von ihnen.

Der Gedanke an Brot schließt den Gedanken an Hunger ein und die Zuversicht, dass Hun-ger gestillt wird: leiblicher Hunger, seelischer Hunger (etwa nach Gemeinschaft) und geist-licher Hunger (nach Lebendigkeit, nach Geliebt – sein ...)

Das Evangelium nimmt uns mit auf diese unterschiedliche Ebenen von „Hunger“ und „Ge-sättigt werden“:
Zunächst wird erzählt, dass die Leute Jesus suchen, weil sie ein Zeichen sehen wollen.
Sie kommen und sie suchen. Das ist eine gute Ausgangslage: suchen und kommen.
Und sie lassen sich mitnehmen von Jesus der ihren Blick lenkt auf die „Speise ins unendli-che Leben“. Jesus will den Menschen die Speise geben, die nahrhaft ist für das ewige Le-ben, die eine Kraft gibt, mit der man den Tod überwindet.
Jesus gibt das Leben – und er verdichtet dies bis zur Identifikation: „Ich bin das Brot des Lebens.“ – Jesus ist Leben.

Wir Menschen sind abhängig von Nahrung, damit wir leben können. Wir brauchen Kalorien, die uns Kraft geben. Und wir brauchen Nahrung, die unseren seelischen und geistlichen Hunger stillt.
Nahrung kommt nicht aus uns selbst, sie muss uns gegeben werden. Sie wird uns gege-ben im Wort und im Brot – Jesus gibt sich.
Und wenn es nur ein winziges Bröselchen wäre – könnte darin die ganze Liebe Gottes ent-halten sein, die unseren Hunger nach Liebe stillt.

Die Leute im Evangelium suchen und fragen. Das dürfen wir mit ihnen tun. Sie bitten, sie fordern: „Gib uns allezeit dieses Brot“. Auch das dürfen wir mit ihnen tun.
Und Jesus sagt: „Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern.“
Die Einladung ist nicht banal, aber ganz einfach: „Kommt!“
In diesem sprachlich und theologisch durchaus anspruchsvollen Evangelium, was für eine wunderbar einfache Einladung:
„Kommt!“


Brigitta Neckermann-Lipp, Referentin im Haus der Begegnung


Dr. Heike Hötzinger
Ein unscheinbares Zeichen (Gottes)
30. Kalenderwoche: 25.-31.07.2021

Joh 6,1-15

Manchmal sind es ausgerechnet kleine, unscheinbare Dinge, die uns bereichern, erfreuen oder sogar kleine Wegweiser sind, die uns in eine neue Richtung führen. Kinder sind darin sehr gut, denn sie freuen sich über einen schönen Stein, eine Blume oder einen Käfer, der über den Weg läuft, und lassen ihren Weg gerne von diesen kleinen Wundern am Wegesrand bestimmen – faszinierend!

Auch in der „Wundererzählung“ Joh 6,1-15 entdecke ich etwas von dieser faszinierenden Einfachheit, in der kleine Dinge große, wunderbare Wirkung haben.

Zum einen zeigt sich diese Einfachheit an Jesus selbst: Er zieht sich zu Beginn der Szene mit seinen Jüngern auf den Berg zurück, nachdem erwähnt wurde, dass ihm eine große Menschenmenge wegen seiner Zeichen an den Kranken folgte. Jesus sucht die Einfachheit und Stille des Berges – eines Ortes, der biblisch mit der Nähe Gottes verbunden ist.

Zum anderen erfolgt das Wunder in sehr einfacher und unspektakulärer Weise:
Jesus nimmt den Mangel an Brot, d.h. dem Grundnahrungsmittel, wahr. Dabei wird sehr deutlich, dass es vorne und hinten nicht reicht: Weder das Geld noch die zwei Brote und die zwei Fische eines kleinen Jungen sind genug für diese unheimlich vielen Menschen. Es müsste wirklich ein Wunder geschehen, wenn alle satt werden sollten…
Statt aber einer spektakulären Wundertat, handelt Jesus nun ganz unscheinbar: Er lässt alle Anwesenden im Gras Platz nehmen, spricht das Dankgebet und teilt an die Menschen aus. Anscheinend reicht das normale, gewohnte Dankgebet völlig aus, denn nun reicht das Brot nicht nur für alle aus, sondern es bleiben sogar noch 12 Körbe voll übrig.
Es geschieht also kein Aufsehen erregendes, riesiges Ereignis, sondern ein einfaches Dankgebet hat diese wunderbare Fülle zur Folge.

Abschließend zeigt sich die Einfachheit wieder an Jesus selbst, der sich am Ende ausdrücklich allein auf den Berg zurückzieht. Damit möchte er sich buchstäblich der „Gewalt“ der Menschen, die ihn zum König machen wollen, entziehen.
Jesus bleibt also ein unscheinbares Zeichen Gottes: Obwohl sein Handeln Wunderbares hervorbringt und von den Menschen dementsprechend honoriert werden möchte, bleibt Jesus beim Wesentlichen, seiner besonderen Beziehung zu Gott.

Vielleicht sind es tatsächlich manchmal die einfachen, unscheinbaren Zeichen, die uns Gott näher führen und für die es sich lohnt zu danken.


Dr. Heike Hötzinger, Dr. theol, Familienfrau


Dr. Annette Langner-Pitschmann
Schafe ohne Hirten
29. Kalenderwoche 18.-24.07.2021

Diese Woche wurde die Kirchenaustrittsbilanz für 2020 bekannt gegeben. 221.390 Katholikinnen und Katholiken haben sich entschieden, die Kirche zu verlassen; Umfragen zufolge tritt das Motiv der Kirchensteuerersparnis dabei hinter die Motive von Entfremdung und Vertrauensverlust zurück.
Am Ende genau dieser Woche hören wir nun ein Evangelium, das in kräftigen Farben ein Bild von dem Vertrauen malt, das viele von Jesu Zeitgenossinnen und –genossen ihm entgegengebracht haben. Kein Schritt, den er und seine Jünger tun, entgeht den Menschen in ihrer Umgebung. An dieser großen Aufmerksamkeit scheitert schließlich auch ihr Vorhaben, sich vorübergehend zurückzuziehen. „Man sah sie abfahren und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an.“
Das Bild, mit dem das Evangelium Jesu Reaktion auf diesen Andrang beschreibt, war im Alten Orient verbreitet und findet sich auch in der heutigen Lesung aus dem Buch Jeremia. Damals bezeichnete man Herrscher als Hirten, sich um ihr Volk als ihre Herde zu „kümmern“ hatten. In diesem Sinne nun deutet Jesus die Menge als „Schafe, die keinen Hirten haben“. Indem er sie „lange lehrt“, füllt er diese Lücke.
Die Szene aus dem Evangelium scheint so weit entfernt von unserer gegenwärtigen Situation, dass sie zunächst kaum einen Impuls zu bieten scheint. Denen, die noch in der Kirche sind, fehlt es vermutlich nicht an der Bereitschaft, „lange zu lehren“. Allein, ohne Zuhörende macht das keinen Spaß. Angesichts dessen können wir den Vertrauensverlust beklagen und wahlweise das wenig vertrauenerweckende Verhalten mancher Hirten oder ein vermeintliches Aufmerksamkeitsdefizit der Schafe dafür verantwortlich machen.
Alternativ (oder ergänzend) zu dieser Klage könnten wir aber auch das Bild als solches in Frage stellen. Vieles spricht doch dafür, dass wir es bei denen, die 2020 gegangen sind, nicht mit 221.390 orientierungslosen Schafen zu tun haben, sondern mit 221.390 anderweitig orientierten Menschen. Womöglich ist es Zeit, neue Bilder zu suchen.
Beginnen kann ich diese Suche bei mir selbst: Gibt es vielleicht ein Bildwort, das mein eigenes In-der-Kirche-sein besser beschreibt als das alte Bild vom Schaf? Was bedeutet mir meine Gemeinde jenseits der Vorstellung einer ruhig mampfenden Herde? Was habe ich, über „mäh“ hinaus, über meinen Glauben zu sagen? Und: Brauche ich vielleicht, um der Kirche vertrauen zu können, etwas ganz anderes als einen Hirten?


Dr. Annette Langner-Pitschmann, Professorin für Theologie in globalisierter Gegenwart


DK Dr. Anton Spreitzer
Aus der Kraft des Wortes
28. Kalenderwoche: 11. - 17.07.2021

Im heutigen Evangelium wird uns erzählt, wie Jesus die Zwölf aussendet. Wir erfahren, dass er keinen von ihnen allein gehen lässt, sondern sie jeweils zu zweit wegschickt. Und es wird uns berichtet, dass Jesus sie, bevor er sie sendet, zuerst zu sich ruft.

Diese kurzen, fast wie Randbemerkungen erscheinenden Informationen zur Aussendung der Zwölf im Evangelientext sind aber keine bloße Einleitung, nur ein literarischer „Einstieg“ in das, was folgt. Vielmehr deuten sie in kurzen Strichen so etwas wie die Logik, die Bewegung, das innere Gesetz dessen an, was Sendung im Sinne Jesu bedeutet.

Gesandt sein kann nur der, der zuvor bei Jesus gewesen ist; verkünden kann nur der, der zuvor von Jesus zu Jesus gerufen wurde – und zu ihm auch tatsächlich gekommen ist, von ihm das entscheidende Wort gehört und aufgenommen hat, und es so aufgenommen hat, dass es im Gesandten zur Eigenbewegung wird, eine Dynamik entfaltet, die den Hörenden ganz und gar ergreift, weil sie ihn bis in sein Herz hinein erreicht hat.

Jesus ist ja DAS WORT, der „logos“ Gottes. Kein anderes Wort kann Gegenstand der Verkündigung der Jünger sein – seien es die Zwölf damals oder die unzähligen Männer und Frauen seitdem, die sich in den Dienst der Verkündigung gestellt haben. Sie erzählen nicht sich selbst oder von sich selbst, sondern lassen sich den Mund füllen von DEM WORT schlechthin – von dem nämlich, das der Prolog des Johannesevangeliums so eindrucksvoll besingt: „Im Anfang war DAS WORT und DAS WORT war bei Gott und DAS WORT war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch DAS WORT geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst. […] Und DAS WORT ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.“ (Joh 1,1-5.14)

Gesandt sein kann nur, wer tatsächlich Dienerin und Diener DES WORTES zu sein bereit ist. Und das kann der und die Gesandte nur sein, wenn er/sie DAS WORT tatsächlich gehört hat und im Herzen bewahrt, es dort hin und her wendet. Bleibendes Vorbild dafür ist Maria, die Mutter Gottes (vgl. Lk 2,19). An Maria zeigt sich exemplarisch, wie DAS WORT einem Menschen wirklich ganz und gar zu Eigen geworden sein kann, freilich unübertreffbar in ihrem Fall so, dass DAS WORT in ihr menschliches Fleisch annahm.

Die Zwölf sind also unterwegs als Gesandte DES WORTES. DEM WORT haben sie zu dienen. Und aus DEM WORT erwächst ihnen alle Kraft der Verkündigung, der Wunder und der Heilung. Wenn das Evangelium vom heutigen Sonntag von der „Vollmacht über die unreinen Geister“ spricht, wenn es da heißt, Jesus habe den Zwölf geboten, „außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel, kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen“ – dann um unmissverständlich deutlich zu machen, dass alles, was sie bewirken werden allein aus der Kraft DES WORTES geschieht! Die Bereitschaft, DEM WORT zu dienen, ist Vorbedingung wirksamer Verkündigung. Von DEM WORT soll die Rede sein; nur DAS WORT zählt.

Darum dann auch die eigenartig strenge Weisung: „Wenn man euch aber in einem Ort nicht aufnimmt und euch nicht hören will, dann geht weiter und schüttelt den Staub von euren Füßen, ihnen zum Zeugnis.“ Das bedeutet: Wenn der Dienst an DEM WORT irgendwo nicht möglich ist, dann sollen sich die Gesandten keine Alternativen ausdenken, was sie mit den und für die Menschen tun können. Denn allein dazu sind sie ausgesandt: DAS WORT zu verkünden! Allein dazu! Mit DEM WORT und durch DAS WORT können Umkehr, Sündenvergebung, Heilung, Wunder geschehen. Eben das sollten dann auch die Zwölf erfahren: „Und sie zogen aus und verkündeten die Umkehr. Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.“


DK Dr. Anton Spreitzer, Domkapitular, Leiter Hauptabteilung Bildung und Evangelisierung im Bistum Passau


Rebekka Redinger-Kneißl
Raus aus der Schublade
27. Kalenderwoche 04.07.-10.07.2021

„Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie.“ Diese Aussage aus dem Markusevangelium an diesem Sonntag hat in etlichen Redewendungen Niederschlag gefunden und kennen wir auch in unserem Alltag nur zu gut. Was reden sich oft Eltern den Mund fusselig, wollen den Kindern zeigen wie dieses oder jenes geht und es wird einfach nicht akzeptiert. Und auf einmal kommt ein quasi Fremder, sagt genau das Gleiche und siehe da, der Nachwuchs nimmt es bereitwillig an. Als Eltern steht man nur schulterzuckend da und fragt sich, was hat der anders gemacht? Gewohnheiten, Selbstverständlichkeiten, sind oft hinderlich, um Neues entstehen zu lassen, wenn sie zu Vorurteilen oder vorgefertigten Meinungen werden. u Jemanden in seiner Gesamtheit zu kennen, verbaut oft den Blick auf einzelne herausragende Talente.
Jesus scheint es im Evangelium genauso zu gehen. „Er konnte dort keine Wunder tun.“, schreibt Markus. Und obwohl ich aus der eigenen Erfahrung heraus, zig Beispiele für vergleichbare Situationen nennen könnte, bin ich beim Lesen des Textes aber durchaus geneigt, die Hand an die Stirn zu schlagen, weil ich denke: Das darf es doch nicht geben! Da kommt dieser Jesus, also einer von ihnen, wieder zurück in seine Heimat. Er ist quasi das berühmte Kind der Stadt, hat schon so viele andere gelehrt, begeistert und Wunder gewirkt. Jetzt haben sie ihn endlich vor Ort, müssen keine weite Strecke zurücklegen, um den zu sehen, der die Welt um sie herum verändert. Er ist da und sie müssten nur zugreifen. Doch genau das Gegenteil passiert. „Sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab.“ Was war da nur mit diesen Leuten in Nazareth los?
„Ein Urteil lässt sich widerlegen, aber niemals ein Vorurteil“, schreibt Marie-Luise von Ebner-Eschenbach. Die Menschen aus Nazareth konnten diesen jungen Mann, den sie aufwachsen hatten sehen, dessen Familie sie als einfache, bodenständige Leute kannten, nicht mit einem großen Propheten in Verbindung bringen. Die Schublade, in den sie ihn gesteckt hatten, war zu fest verschlossen.
Und wenn wir uns selbst kritisch hinterfragen, dann wissen wir genau wie viele Schubladen wir für Menschen bereithalten und wie hart bzw. unmöglich es ist, aus diesen Schubladen herauszukommen.
Jesus, und das ist eine zweite Seite des Evangeliums, lässt sich aber durch die Ablehnung nicht von seiner Agenda abbringen. „[Er] zog durch die benachbarten Dörfer und lehrte dort.“
Die Potenziale eines Menschen können sich auch andernorts entfalten und weiterwachsen. Die Frage ist, ob wir durch unser Schubladendenken, wie die Leute in Nazareth, es uns selbst verbauen, uns selbst abhängen lassen, obwohl wir eigentlich nur zugreifen zu müssten.


Rebekka Redinger-Kneißl, Theol. Referentin im Haus der Begegnung


Ludwig Raischl
Geh in Frieden
26. Kalenderwoche, 27.6.-3.7.2021

zu Mk 5,21-43

Von Hippokrates, dem berühmten Arzt aus der griechischen Antike stammt der Satz: Heilung ist eine Frage der Zeit. Manchmal ist es aber auch eine Frage der günstigen Gelegenheit.
Dieser Satz trifft auf die beiden Heilungserzählungen zu, die uns das Sonntagsevangelium erzählt. Da ist der Synagogenvorsteher, dessen Tochter im Sterben liegt. Er mutet sich Jesus zu und die Dinge nehmen ihren Lauf. Und da ist die Frau, die schon 12 Jahre an Blutfluss litt. Heilung, eine Frage der Zeit? Nach 12 Jahren klingen diese Worte wie Hohn. Diese Frau hat alles unternommen, viele Ärzte aufgesucht. Keiner konnte helfen. Viel Geld haben die unterschiedlichsten Therapien gekostet. Aber statt einer Besserung ist es noch schlimmer geworden. Da hört sie von Jesus, dem Heiland. Sie setzt auf Jesus ihre letzte Hoffnung. Doch sie traut sich nicht, Jesus um Heilung zu bitten. Sie berührt nur sein Gewand. Dass Jesus in ihrer Reichweite ist, diese günstige Gelegenheit, die packt sie beim Schopf. Und diese Berührung, diese Nähe zu Jesus hat heilende Wirkung. Beide, die Frau und Jesus spüren, dass etwas geschehen ist. Die Aktion, die von der kranken Frau ausgegangen ist, führt zu einer Begegnung. Jesus blickt sich um und sucht sie. Er wendet sich ihr zu. Die Frau überfällt Angst, sie erzählt ihm alles. Doch Jesus ermuntert und lenkt den Blick auf das Zentrale der Heilung. Nicht Magie, sondern ihr Glaube hat sie geheilt. Jesus geht es um den ganzen Menschen. Darum steht am Ende der Zuspruch Jesu: Geh in Frieden! Ich stelle mir vor, mit welch innerem Frieden und mit welcher Lebensfreude die Frau in ihren Alltag gegangen sein wird - nach all den Jahren der wegfließenden Lebensenergie Kraftlosigkeit.
Am Ende jedes Gottesdienstes steht die Aufforderung: Geht in Frieden! Vorausgeht die günstige Gelegenheit einer Begegnung mit Jesus, im gemeinsamen Hören auf das Wort der Schrift und im Brechen des Brotes, dem Zeichen der göttlichen Lebenshingabe für uns. Als Frage für die Woche: was nehme ich mit von der sonntäglichen Feier, vom Wort Gottes wie von der Eucharistie und was lässt mich in Frieden dahin gehen, wo ich lebe und gebraucht werde?

Ludwig Raischl


Ludwig Raischl, Direktor Haus der Begegnung HEILIG GEIST


Hedwig Beier
Wenn wir „durchgerüttelt“ werden …
25. Kalenderwoche, 20. - 26.6.2021

Zu Mk 4,35-41

Jesus und seine Freunde haben viel Zulauf, es gibt genug zu tun!
Als es Abend wird, lassen sie die zahlreich anwesenden Leute stehen, schicken sie weg. Anderes und Andere sind jetzt dran, sie begeben sich auf Jesu Geheiß ins Boot, hinaus auf den See, in die Nacht, ins Ungewisse.
Alsbald wird es ungemütlich, angsterregend – der Boden schwankt, es droht Untergang.
Und Jesus rührt sich nicht!
Er schläft! Ja, geht’s noch, kümmert ihn denn diese existentielle Bedrohung nicht?
Er bringt dann schon Ruhe in diese Situation, aber die sehr menschliche Ungewissheit, die Gefahr, die Aussichtslosigkeit muss zunächst durchlitten werden.
Könnten es die Freunde Jesu nicht bereits besser wissen? Haben sie nicht schon stärkende Erfahrungen gemacht?

Mein Mann und ich haben diesen Evangeliumstext für unseren Hochzeits- und unseren Silberhochzeits-Gottesdienst ausgewählt. Wir ahnten, dass unser Lebensboot immer wieder in Stürme geraten wird, denn unsere Entscheidung für eine Mehrgenerationen-Familie unter einem Dach war als Herausforderung vorauszusehen. Da wollten wir uns zusagen lassen, dass Jesus in unserem Boot sein wird, auch wenn es immer wieder so scheinen kann, dass er „schläft“, d. h. dass er nicht als Handelnder wahrnehmbar ist. Aber er kann und wird den Stürmen gebieten, wenn es Zeit dafür ist, das war unsere Hoffnung. Und: Er wird uns im Durch-halten und Vertrauen stärken. Das war unser Vertrauen.

Das erfahren wir vermutlich alle: Unser Leben wird nicht vom Durchrütteln, nicht von Ängsten, nicht von momentanen Aussichtslosigkeiten, Abgründen und Niederlagen verschont. Aber wie oft konnten wir bereits „durchwachsen“ durch nicht gesuchte Situationen und Gegebenheiten.
Und konnten solche Zeiten im Rückblick als notwendige „Wachstums-Knoten“ entdecken?
Und vielleicht als göttliche Fügung? Das kann uns langsam immer vertrauensvoller werden lassen!

Diese Erfahrung bringt auch einer meiner Lieblings-Psalm-Verse zum Ausdruck:
„Befiehl dem Herrn deine Wege und vertrau ihm, er wird es fügen!“ Ps 37,5



Hedwig Beier, Geistliche Begleiterin


Josef Fischer
Von der Autorität der Frucht lernen
24. Kalenderwoche 13.-19.6.2021

Mk 4,26-29
Was kann unsereins denn schon tun! Das Gleichnis von der Selbstwachsenden Saat in Mk 4,26-29 erzählt davon. Es beginnt damit, dass ein Mensch den Samen in die Erde streut. Die Saat auszubringen erfordert Aktivität, Entschluss und Energie, Können und Kraft. Das wäre das Erste, was unsereins nicht nur tun kann, sondern tun muss. –

An weiteren Qualifikationen sind im Gleichnis verlangt: >Er schläft, er steht auf, es wird Nacht, es wird Tag<, alles in dieser Abfolge: Schlafen, Aufstehen, Nacht, Tag. Wer geschlafen hat, kann aufstehen, und das Gelingen des Tages hängt am Geheimnis der Nacht. Wo lernt man schlafen, wo aufstehen? Wer respektiert Nacht und Tag? Schwierig sind die Umstände oft. –

Früh habe ich gehört: Wenn der Teig angerührt ist, muss (!) man ihn gehen lassen. Wenn die Saat ausgebracht ist, muss man sie von selbst wachsen lassen. Das will gelernt sein. Nicht dauernd herumzupfen und (Ohren) langziehen. Auch ein Menschenkind zieht man nicht so auf, wie man eine Uhr aufzieht (falls man das heute noch tut). –

>Und wenn die Frucht es zulässt, legt der Säende alsbald die Sichel an; denn die Ernte ist da<. So ist das. Die Frucht ist es, die zulässt, erlaubt, gestattet. Bei ihr liegt die Autorität. Mit dem Vater bin ich auf das Feld gegangen und es hatte den Anschein, als prüfe er den Härte- und Reifegrad des Weizenkorns zwischen Daumen und Zeigefinger. In Wirklichkeit hat das Korn den Vater geprüft. Ob er es versteht. Da haben wir sie, die Autorität der Frucht. –

Bei alldem handelt es sich um das Reich Gottes, von Jesus erzählt. Eine Prise Reich Gottes würde dem Wirtschafts- und Wissenschaftsbetrieb, der Politik, der Kunst, der Religion nicht schaden. Und der Kirche? Der schon gleich überhaupt nicht. Und mir? Auch ich kann lernen.


Josef Fischer, Domkapitular em


Hedwig Beier
Widerstand gehört zum aufrechten Leben!
23. Kalenderwoche 6.- 12. Juni

Mk 3,20-35
Jesus ist berufend und heilsam unterwegs.
Das zieht viele Menschen an: Kranke und Gesunde, Suchende und die, die ihres Glaubens und ihrer Überzeugung sicher sind, Unbedeutende und Bedeutende.
Gar viele drängten sich um ihn. Sein Reden und sein Wirken und seine Art sprechen sich herum.
Auch seine Angehörigen erfahren von seinem jetzigen Weg mit Gott und den Menschen. Sie beschließen ihn zurückzuholen, wenn es sein muss, sogar mit Gewalt, so sicher war ihr Entschluss und ihr Empfinden: „Er ist einer von uns, er soll auch gefälligst in unseren Spuren bleiben und nicht solches Aufsehen erregen. Er soll tun, was er von seinem handwerklichen Vater gelernt hat und leben was ihm unsere Religion beigebracht hat. Er soll sich und unsere Familie nicht mit in Verruf bringen mit seinem aufsehenerregenden Auftreten und seinen verrückten Meinungen, die unsere Sitten, Gebräuche und Vorschriften untergraben!“
Ähnliche Bedenken haben wohl auch die Hüter der Religion, auch sie werden „gehend“ und kommen aus Jerusalem herab und äußern ihren Verdacht und letztlich ihre Angst.
Eine durchaus verständliche, menschliche Reaktion.
Auch heutige Eltern wirken „gut meinend“ auf ihre erwachsenen Kinder mitunter beeinflussend ein und meinen aus ihrem eigenen Horizont heraus zu wissen was gut ist für ihre Kinder, welche beruflichen und partnerschaftliche Wege sie einschlagen sollen, wo sie hinziehen sollen, was sie meiden sollen.
Jesus setzt dem Ansinnen seiner Familie unerhörte Worte entgegen und fragt: „Wer ist mir Mutter und wer sind meine Brüder? Wer den Willen meines Vaters tut, ist mir Bruder, Schwester, Mutter!“
Daraus lese ich:
Wer versucht in seiner jeweiligen Situation in lebendiger Beziehung zu Gott seinen je eigenen Weg zu finden und zu gehen, ist Jesus nahe, ist ihm Bruder, Schwester, Mutter. Ein stärkender Helfer dabei ist der Heilige Geist. Mit ihm ist dieser je persönliche Weg immer wieder zu finden und er stärkt auch in Widerständen.
Für die Religions-Verantwortlichen gilt dies wohl ebenso!

Hedwig Beier, Geistliche Begleiterin


Dr. Annette Langner-Pitschmann
Das letzte Wort
9. Woche im Jahreskreis 30.5.-5.6.2021

Matthäus 28, 16-20
„Es gibt aber noch vieles andere, was Jesus getan hat. Wenn man alles einzeln aufschreiben wollte, so könnte, wie ich glaube, die ganze Welt die dann geschriebenen Bücher nicht fassen“ mit diesen Worten endet das Johannesevangelium. Das letzte Wort hat also der Schreiber selbst. Er nutzt es, um noch einmal deutlich zu machen: Die Geschichte von der Menschwerdung Gottes ist ein unerschöpflicher Stoff.
Matthäus gestaltet den Schluss seines Evangeliums ganz anders. Er gibt dem Menschgewordenen selbst das letzte Wort. „Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ – diese starke Zusage des Auferstandenen an seine Jünger klingt nach, während der Vorhang fällt.
Stark ist dieser Satz dabei nicht deshalb, weil er eine Neuigkeit mitteilen würde. Im Gegenteil: Dass Jesu Leben unter der Überschrift „Gott mit uns“ steht, wissen die Leserinnen und Leser bereits seit dem 1. Kapitel. Immanuel, Gott mit uns – so lautet dort der verbindliche Namensvorschlag, den der Engel dem Josef vor der Geburt Jesu im Traum mitgibt.
Stark ist dieser Satz also nicht deshalb, weil er etwas Neues enthält. Stark ist er, weil er gemeinsam mit der Anweisung des Engels den Rahmen bildet, der die Geschichte von der Menschwerdung Gottes einfasst. „Ich bin mit euch alle Tage“ – das könnte die Überschrift sein über jeder einzelnen Szene, von der das Evangelium erzählt. Über dem Rat der Bergpredigt, über dem Trost der Heilungsgeschichten, über der Zumutung der Passion, über der Hoffnung der Ostererzählung.
Johannes hat recht: Der Stoff der Menschwerdung und Auferstehung ist unerschöpflich. Matthäus gibt uns einen Leitfaden, was wir mit dem reichen, manchmal verwirrenden Material des Evangeliums anfangen können: Wir können es betrachten wie eine Sammlung von Bildern. Jedes einzelne von ihnen zeigt uns konkret im Kleinen, was die große Zusage Gottes – „ich bin mit euch“ – für uns bedeutet: Rat, Trost, Zumutung und Hoffnung.


Dr. Annette Langner-Pitschmann, Professorin für Theologie in globalisierter Gegenwart


DK Dr. Anton Spreitzer
Gedanken zum Pfingstfest
Pfingstsonntag 23.05. - 29.05.2021

Der Mensch ist mitten hineingestellt – in eine Wirklichkeit, deren Deutung ihm als Aufgabe gestellt ist. Denn Wirklichkeit erschließt sich dem Menschen, dessen Verstandeskraft ebenso irgendwann oder irgendwo an eine Grenze stößt wie seine Seh- oder Hörkraft, zum einen nie in ihrer Ganzheit und zum andern nicht in ihrer Reichhaltigkeit, Vielgestalt und Tiefe auf einmal. Der Mensch – auch der glaubende – ist gebunden an seinen Standpunkt; und dieser Standpunkt schreibt ihm seine Perspektive vor. So sehr er auch wollte, ein Aussteigen aus dem ihm eigenen Blickwinkel ist dem einzelnen Menschen nicht möglich. Darum macht der Mensch, wenn er aus eigener Kraft in die letzten Winkel der Wirklichkeit verstehend auszugreifen versucht, immer an irgendeinem Punkt die Erfahrung, dass er nicht mehr weiterkann.
Weise ist der Mensch, der um diese Lage der Dinge weiß. Wie töricht demgegenüber derjenige, der die eigene Begrenztheit vergisst und wie ein Irrer anrennt gegen die unweigerlich gesetzten Grenzen!
Weisheit hat nach christlichem Verständnis mit dem Heiligen Geist zu tun. Weisheit ist eine seiner sieben Gaben – neben Einsicht, Rat, Erkenntnis, Stärke, Frömmigkeit und Gottesfurcht (vgl. Jes 11,2). Das Fest des Heiligen Geistes aber ist: PFINGSTEN. Im Kern steht das Ereignis des 50. Tages nach Ostern, das im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte erzählt wird: Ein Brausen vom Himmel und erfüllt das ganze Haus, in dem die Urkirche mit und um Maria versammelt ist – und in Zungen wie von Feuer verteilt sich der Heilige Geist auf die Versammelten und befähigt sie, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. Das große Wunder: Sie reden als Galiläer, aber wer auch immer sie hört – ob Landsmann oder Ausländer – kann sie in seiner jeweiligen eigenen Sprache verstehen.
Das klingt doch ganz nett: „Der Heilige Geist kommt – und wir verstehen uns…“ Doch an Pfingsten geht es um viel mehr als nur, sich zu verstehen: „Wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden“, rufen die Menschen aus aller Herren Länder aus, die die Begeisterten sprechen hören. Dazu also dient die Geistbegabung der jungen, kleinen Kirche in Jerusalem: Von Gott zu sprechen, ihn und was er tut anderen weiterzusagen! Der Geist Gottes ist nicht einfach irgendein Geschenk Gottes an die Menschen; er ist verbunden mit dem Sprechen – dem Sprechen von Gott! Pfingsten ist das Hochfest derer, die nicht anders können, als anderen von Gott zu erzählen – und zwar so, dass es die anderen verstehen!
Wie alle anderen Hochfeste im Kirchenjahr zeigt uns auch das Pfingstfest, was dem Glaubenden als Weisheit des Heiligen Geistes geschenkt ist: Die Anerkennung der eigenen Grenze – im Sprechen von Gott können wir nur stammeln, nur unzulänglich reden, nur Richtiges mit Unrichtigem vermengen; im Erkennen Gottes sind wir an die Bilder unserer Vorstellungskraft gebunden, an die Welt, die uns durch unsere Sinne zugänglich ist oder die wir mit unseren Gedanken denken können – und zugleich ein Sinn für die großartige Gnade, die Gott dem Menschen gewährt, indem er von sich aus auf ihn zukommt und ihm Dimensionen der Wirklichkeit erschließt, die dem Menschen sonst für immer verborgen bleiben würden. Darum eben all die Gaben des Geistes: Weisheit, Einsicht, Rat, Erkenntnis.
Doch da ist noch mehr: Es geht nicht nur um ein Erkennen, um ein Einsehen, um ein Verstehen. Das Durchdringen der Wirklichkeit im von Gott gegebenen Denken, mit dem natürlichen Licht seines Verstandes ist nur die eine Hälfte dessen, was die Wirklichkeit des Heiligen Geistes für den Menschen bedeutet. Die andere ist: das Tun, das Leben, die Entscheidungen. Nur das Richtige zu erkennen, ist nicht genug. Es würde genügen, wenn der Mensch nur Geist wäre. Aber das ist er nicht; er ist auch Leib, er ist auch Erde. Und in seiner Leibhaftigkeit ist er an andere gebunden, auf andere verwiesen, mit anderen im Umgang. Wie dieses Miteinander fruchtbar und gedeihlich sein kann, erkennt der Mensch durch den Heiligen Geist – und er setzt es in die Tat um mit Hilfe der Gaben des Geistes: Stärke, Frömmigkeit, Gottesfurcht.
In diesem Sinn hat die hl. Edith Stein formuliert: „Gottes Geist ist Sinn und Kraft. Er gibt der Seele neues Leben und befähigt sie zu Leistungen, denen sie ihrer Natur nach nicht gewachsen wäre, und er weist zugleich ihrem Tun die Richtung.“

Lassen wir uns vom Geist Gottes:
• den Mund öffnen
• den Verstand weiten
• das Herz durchdringen und
• die Hand leiten

Aber – hoffentlich – nicht nur an Pfingsten!


DK Dr. Anton Spreitzer, Domkapitular, Leiter Hauptabteilung Bildung und Evangelisierung im Bistum Passau


Dr. Heike Hötzinger
Abgehoben in der Welt
7. Woche der Osterzeit

Joh 17,6a.11b-19
Beim ersten Lesen des heutigen Evangeliums klingt dieses Gebet Jesu zu Gott, seinem Vater (Joh 17,11), bevor Jesus gefangen genommen und hingerichtet wird, fast etwas ‚abgehoben’ und ‚verworren’. Letztlich kommt in diesem Abschiedsgebet in verdichteter Form das enge Beziehungsgeflecht zwischen Gott, Jesus, den Menschen und der Welt zum Ausdruck. Ein paar Fäden daraus möchte ich aufdröseln:
Der Ausgangspunkt besteht im Kern von Jesu Leben und Sendung: Jesus hat den Menschen den „Namen“ Gottes offenbart (Joh 17,6): Der Name Gottes ist inhaltlich gefasst JHWH – Ich bin da. Dieses Dasein Gottes hat Jesus umgesetzt, indem er die ihm anvertrauten Menschen in Gottes Namen „bewahrt“ und „behütet“ hat (Joh 17,12). Dieses behütende Dasein für die Menschen möchte Jesus auch für die Zeit nach seinem Tod gesichert wissen, denn er bittet, dass Gott sie vor dem Bösen bewahre (V 15).
Die Verwobenheit zwischen Gott, Jesus, den Mensch und der Welt zeigt sich noch deutlicher, wenn man die Schilderung der Menschen, für die Jesus bittet, betrachtet:
• Die Menschen hat Gott Jesus „aus der Welt“ (V 6) gegeben. Hier wird ihre Verbindung zu Jesus deutlich, zugleich aber auch zu Gott sowie zur Welt.
• Dementsprechend sind die Menschen auch in der Welt (V 11). Damit haben sie eine Gemeinsamkeit mit Jesus, der ebenfalls noch „in der Welt“ ist (V 13).
• Zugleich sind die Menschen aber „nicht von der Welt“ (V 14), insofern sie Gottes Wort und Namen haben. Daher werden sie auch von der Welt gehasst. Die Verbindung zu Jesus und Gott ist auch hier deutlich, zumal Jesus ausdrücklich ebenfalls „nicht von der Welt ist“ (V 14), sondern von Gott (vgl. auch Joh 1).
• Die Menschen hat Jesus in die Welt gesandt (V 18), ebenso wie Gott Jesus in die Welt gesandt hat. Dieses besondere Verhältnis zur Welt verbindet die Menschen also ebenfalls mit Jesus und darüber mit Gott.
Insgesamt zeigt sich: Die Menschen, um die es Jesus geht, sind also in gewisser Weise Teil der Welt, heben sich aber zugleich von der Welt ab, insofern sie durch die Offenbarung und das Annehmen des Wortes Gottes in besonders enger Verbindung zu Gott und Jesus stehen.
Dieses ‚Abgehobensein in der Welt’ bündelt sich in Jesu letzter Aussage: „Ich heilige mich für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind.“ (V. 19). Die in die Welt gesandten Menschen befinden sich zugleich in einem von dieser Welt abgegrenzten Bereich. Dieser zeichnet sich durch besondere Nähe zu Gott, dem „heiligen Vater“ (V 11) aus.

Kann auch ich zu diesen Menschen mit ihrer privilegierten Nähe zu Jesus und Gott gehören – in der Welt und in diese gesandt und dennoch darin ‚abgehoben’? – Ja, indem ich den Namen und das Wort Gottes, das Jesus offenbart, annehme, daran glaube.
Als Ziel dieses besonderen Beziehungsgeflechts stellt Jesus vor Augen: seine Freude in Fülle zu haben – das klingt verlockend!


Dr. Heike Hötzinger, Dr. theol, Familienfrau

Foto: Hans Mitterer


Ludwig Raischl
Vermächtnis
6. Osterwoche Joh 15,9-17

Ein Abschied von einer vertrauten Person, mit der man den Weg geteilt hat über Jahre. Wehmut mischt sich in diese Augenblicke. Eine Umarmung, ein sich in die Augen schauen und vielleicht Worte, die bleiben und Gewicht bekommen. Solche Momente verdichten noch einmal, was eine Freundschaft, eine Beziehung ist bzw. war und was bleibt.
In eine solche Abschiedsszene hinein gehören die Verse aus dem Sonntagsevangelium heute. Jesu Worte sind wie ein Vermächtnis für seine Freunde. „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe“ (v.9).
Sie bringen das Neue auf den Punkt, das mit Jesus in die Welt gekommen ist.
„Wie mich der Vater geliebt hat“ – Jesus zeigt uns den Gott der Bibel, der den Menschen leidenschaftlich liebt. Aus dieser Beziehung zu seinem Vater lebt Jesus und er sagt uns immer wieder, dass es sich als Geliebte wirklich leben lässt.
„So habe ich euch geliebt“ – In Jesus, in seinem Tun und seinen Worten, ist uns der sich uns immer wieder verbergende Gott aufgeleuchtet, der sogar sein Leben gibt für seine Freundinnen und Freunde. Liebe konkret, ganz ernst, bis zum Kreuz.
„Bleibt in meiner Liebe“ – der Auftrag, das Vermächtnis ist eindeutig. Von dem Blick auf die liebende Hingabe Jesu finden wir Christen den Weg ins Leben und in die Liebe.
Wer dieser Tage vor dem Haus der Begegnung steht, wird überwältigt sein vom dem blühenden Magnolienbaum. Das Auge kann sich gar nicht satt sehen an den Blüten. Wie verschwenderisch die Natur doch ist. Es ist ein Bild für die lebenswichtige Dimension der schöpferischen und sich uns schenkenden Lebenskraft. Das darf nicht verlorengehen in einer Welt, die alles abzählt, aufrechnet und eng macht.
Ein Gedanke, den ich mir in dieser Frühlingswoche und der österlichen Zeit stellen darf, lautet: Wo begegnet mir Gottes Liebe draußen in der Natur und drinnen in mir und im menschlichen Miteinander? Und wo kann ich etwas vom „Bleiben in der Liebe“ leben für mich selber und für die um mich herum.


Ludwig Raischl, Direktor Haus der Begegnung HEILIG GEIST


Rebekka Redinger-Kneißl
Ein guter Tropfen in der Beziehung
5. Osterwoche 02.05.-08.05.2021

Joh 15, 1-8
Das Gleichnis vom Weinstock und den Reben: „Mal wieder! Kenn ich doch schon!“ – ist man geneigt zu denken und schon beim zweiten Satz wird innerlich abgeschalten. Ist ja nichts Neues mehr.
In der Tat, das Bildwort vom Weinstock und den Reben ist bekannt und gerade als Motto für Erstkommunionfeiern, die ja im Normalfall jetzt stattfinden würden, beliebt. Da läuft man schnell Gefahr, es einfach als alten Hut beiseite zu schieben, weil man es gefühlt schon tausend Mal gehört hat.
„Ich bin dir Weinstock, ihr seid die Reben.“ Wie viel können wir in unserer Zeit und in unseren Breiten mit diesem Gleichnis anfangen? Vermutlich sind wir eher Konsumenten einer guten Flasche, anstatt uns mit dem Anbau genauestens zu befassen. Ja, vielleicht müsste man bei uns heute mit einem anderen Bildwort arbeiten, um uns besser zu erreichen. Vielleicht würde uns ein anderes Gleichnis klarer werden lassen, was eigentlich gemeint ist, anstatt darüber nachzusinnen, ob man bei der nächsten Flasche Wein den halbtrockenen oder doch den lieblichen wählt.
Aber es geht schließlich nicht um ein vollmundiges Aroma eines edlen Tropfens, sondern es geht um uns und wie wir als Christen sind bzw. sein sollen. Da ist der Text dann auf einmal gar nicht mehr von gestern, sondern er zwingt uns, ganz offen die Frage zu beantworten: Wie steht es denn um unser Verhältnis zu Christus?
„Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht“, so lautet die Zusage. Glauben ist keine Einbahnstraße, es ist eine Wechselbeziehung und sie führt nicht ins Nichts, sondern lässt Neues entstehen, steckt andere an, begeistert. Ja, ich muss dranbleiben, es geht nicht einfach von selber. Beziehung bedeutet immer auch ein Stück Arbeit. Aber eine Arbeit, die man gerne verrichtet, weil man weiß, dass sie lohnend ist.
Wenn ich also dranbleibe, meine Beziehung zu Christus pflege, dann geht diese Zusage des Evangeliums sogar noch einen Schritt weiter: Dann darf ich „um alles bitten, und werde es erhalten“. Was für ein wunderbarer Gedanke, über den ich – vielleicht auch beim nächsten Glas Wein – nachsinnen kann. Und vielleicht hinterfrage ich mich beim nächsten Gläschen auch, ob ich selbst in meinem Glaubensleben ein gehaltvoller Tropfen bin, der auf den Geschmack kommen lässt.

Rebekka Redinger-Kneißl, Theol. Referentin im Haus der Begegnung


Brigitta Neckermann-Lipp
Zusammengehören
4. Woche der Osterzeit

Joh 10, 11-18
„Wem g ´hörst denn du?“ wurde ich als Kind manchmal gefragt. Irgendwann war ich im Bewusstsein meiner Individualität (und meinem Trotz) soweit zu antworten: „Ich g ´hör niemand. Ich g ´hör nur mir.“ Heute denke ich „Was für ein Glück, dass ich zu jemandem gehöre!“ Was für ein Glück, dass wir „z ´amm g ´hörn“, mein Mann und unsere Töchter und ich, enge und weitere Freundschaften, Menschen an den Orten, an denen ich arbeite und lebe …
In diesem Spannungsfeld mag man sich vielleicht beim Evangelium vom „Guten Hirten“ finden: „Ich bin doch kein Schaf! Ich kann und will doch selbst entscheiden“ – auf der einen Seite, „Wie gut, wenn Jesus auf mich aufpasst, Orientierung gibt und sich kümmert“ auf der anderen.
„Zusammengehören“, das ist ein heilsames Bild in diesem Bild. Zwei, die zusammengehören, die interessieren sich füreinander, achten aufeinander, helfen und unterstützen einander – und wissen um ihr Zusammengehören, auch wenn sie nicht pausenlos zusammen sind oder sich mal streiten.
Dem „guten Hirten“ stellt Jesus den „bezahlten Knecht“ gegenüber, dem die Schafe nicht gehören. Er macht seinen Job, die Schafe sind ihm nichts wert. Wenn´s schwierig wird, ist ihm nicht wichtig, was mit den Schafen passiert.
Anders verhält sich Jesus: wenn ´s schwierig wird, setzt er sich umso mehr ein für die Schafe. Wenn ´s ganz schwierig wird, wenn es um Leben und Tod geht, setzt er SEIN Leben ein, damit die Seinen das Leben haben. Das sind sie ihm wert! Das sind wir ihm wert! Wir gehören (zu) ihm.
Zwei, die zusammengehören, die interessieren sich füreinander, achten aufeinander, helfen und unterstützen einander – und wissen um ihr Zusammengehören, auch wenn sie nicht pausenlos zusammen sind oder sich mal streiten.
Wie kann das für mich aussehen in meinem Alltag mit Jesus?
Wir g ´hörn z ´amm - was für ein Glück!

Brigitta Neckermann-Lipp, Referentin im Haus der Begegnung


Rebekka Redinger-Kneißl
„Griaß di! Da bin ich wieder!“
3. Woche der Osterzeit

Das Evangelium dieses Sonntags führt die Emmaus-Geschichte, die wir am Ostermontag gehört haben, fort. Die beiden Jünger kehren zurück und erzählen den anderen von ihrem schier unfassbaren Erlebnis. Was da wohl los war!? Staunen, Gemurmel, Nachfragen… Still wird es jedenfalls nicht gewesen sein. Es darf ja auch nicht vergessen werden, in welcher Ausnahmesituation sich die Jünger schon vorher befanden.
Und mitten in diesen Trubel tritt Jesus herein und sagt: „Shalom! Friede sei mit euch!“ – eine Grußformel, die sie schon tausend Mal gehört haben. Vielleicht vergleichbar mit einem „Griaß eich!“ in unseren Breiten. Das wird den Trubel sicher nicht verkleinert haben. Wer mag es den Jüngern verdenken, dass sie glauben einen Geist zu sehen?
„Griaß eich – da bin ich wieder“, sagt Jesus und tut fast so, als ob nichts gewesen sei und fragt, ob denn nichts zum Essen da sei. Ja, da ist er wieder. Und er zeigt ihnen gerne wieder seine Hände und Füße. Er isst gerne wieder mit ihnen und er eröffnet ihnen gerne wieder den Sinn der Schrift.
Er weckt sie auf aus ihrer Trauer und führt „lebhaft“ vor, dass er eben nicht bei den Toten geblieben ist, sondern dass seine Auferstehung ganz real ist.
Und ich heute? Hör ich noch den Gruß Jesu in meinem persönlichen Trubel? In einer Ausnahmesituation befinden wir uns ja Dank Corona alle irgendwie.
„Griaß di!“ Hat das für mich auch etwas Gespenstisches? Dass ich gemeint bin? Dass ich auch Zeuge der Auferstehung bin?
Lass ich mich auch aufwecken aus meiner Trauer über verpasste Chancen, ungenützte Möglichkeiten und meinem allgemeinen Unmut? Lass ich mich ergreifen von der Osterfreude? Von der Möglichkeit der Tischgemeinschaft mit Jesus?
Ein Glück, dass Jesus nicht müde wird, sich mir immer wieder zu zeigen: „Griaß di, da bin ich wieder!“


Rebekka Redinger-Kneißl, Theol. Referentin im Haus der Begegnung


Josef Fischer
Eine Chance
Weißer Sonntag, 2. Woche der Osterzeit

Joh 20, 19 - 31
Wer kennt die Erfahrung nicht? Da ist ein Tag vergangen - und nichts ist ausgerichtet! Man hat den Eindruck, es ist zu nichts Wesentlichem gekommen. Man fängt an, frustriert zu sein. Also österlich ist so was nicht. Dann aber überschlagen sich die Ereignisse. So geschehen am Ostertag. Am Ur-Ostertag. >Am Abend< kommt Jesus und bringt den Jüngern Frieden. Da ist plötzlich >alles gut<. Frieden – Schalom. Herz, was willst du mehr! Nach dem Karfreitag mit dem Sterben Jesu, nach einer solch niederschmetternden Erfahrung von Feigheit, Flucht und Verrat. Da kommt der Herr und sagt einfach: >Friede euch<. Da brauchen die Jünger nicht mehr lange zu fragen: Ja, lebst denn du wieder? Bist du uns wirklich wieder gut? Nein, sie sind im Frieden. Das kann nur der Herr sein, der da im Raum ist. Er ist es wirklich.
Zur Erfahrung der ersten österlichen Gabe, dem >Frieden<, kommt das zweite Ostergeschenk Jesu: die >Freude<. Über die geht ja bekanntlich nichts und ohne die geht aber auch nichts. Gefreut haben sich die Jünger. Das ist neben dem Frieden der unwiderlegbare Erweis der Gegenwart des Auferstandenen. Aber es bricht jetzt nicht high life aus. Sogleich gibt es die Sendung: Angesagt ist >Sündenvergebung<, zum Dritten und Letzten. Die drei großen österlichen Trumpfkarten. Da haben die Jünger ordentlich zu tun. Es ist schon seltsam. Da geschieht einen lieben langen Ostertag eher wenig. Aber kaum ist es Abend, da passiert fast alles. Nur gut, dass einer gefehlt hat, und es - für alle - die Chance nicht nur des ersten, sondern auch des achten Tages gibt.
Wenn es für alle eine Chance gibt, dann auch für mich. Wie sie wohl heißt?


Josef Fischer, Domkapitular em


Brigitta Neckermann-Lipp
Aber Ja!
Ostersonntag, 4. April 2021

abergeister

kein lob und keine freude
denen nicht der zweifel
auf den fuß folgte
im ja bangt schon das nein
stets stammeln wir
ja aber

wenn man gott nun fragte
ist es gut zu leben
und sinnvoll wahr zu handeln
wird deine liebe mir für immer gelten
seine antwort lautete
aber ja
Andreas Knapp

„Ja, aber“ oder „aber ja!“ – die gleichen Worte – eine andere Bedeutung – ein Perspektivwechsel.
Gottes „Ja“ zum Menschen, zur Menschheit, von Anfang an. Im Buch Genesis heißt es nach der Erschaffung des Menschen, wir haben es in der Osternacht gehört, „es war sehr gut!“
Gottes „Ja“ zur Liebe und zum Leben – in der Auferstehung Jesu. Das verleugnet nicht, dass es den Tod gibt, dass es körperliche und seelische Schmerzen, Leiden, Krankheit, Ungerechtigkeit, Einsamkeit, … das alles gibt. Wir haben in den letzten Tagen von Jesu Einsamkeit am Ölberg und den Grausamkeiten der Kreuzigung gehört.
In der Feier von Kreuzweg, Tod und Auferstehung erfahren wir jedes Jahr, dass Gott den Menschen und die Welt, wie sie eben ist, ernst nimmt. Und zugleich, dass es eine Kraft gibt, die hindurch und darüber hinaus führt – Gottes Liebe.
Gott legt uns einen Perspektivwechsel vor: nicht der Tod ist das Letzte, sondern das Leben, nicht den Kopf senken im Hinunterschauen, sondern den Kopf heben, im Aufblicken, nicht Leid und Einsamkeit, sondern Freude und Gemeinschaft haben das letzte Wort.
Das muss uns immer wieder gesagt werden, damit wir es immer mehr ein Stück glauben können. Darum feiern wir jedes Jahr Jesu Auferstehung mit Feuer und Freude und Gloria – damit wir immer wieder und immer mehr hineinschwingen in Gottes „Ja“ zum Menschen. Einen Versuch ist das wert: immer wieder mal einschwingen in Gottes „Ja“ und innerlich „Ja“ sagen, zu den Menschen, die ich liebe, zu den Menschen, mit denen ich mich schwer tue, zu mir selbst … „aber ja!“


Brigitta Neckermann-Lipp, Referentin im Haus der Begegnung


Rebekka Redinger-Kneißl
Näher mein Gott zu dir
Karfreitag

Nearer my God to thee – Näher mein Gott zu dir. So lautet der Titel eines von Sarah Flower Adams verfassten Chorals aus dem Jahr 1841. Es ist eines der weitverbreitetsten Beerdigungslieder im anglo-amerikanischen Sprachraum. Der deutschsprachigen Öffentlichkeit ist es spätestens seit der Titanic-Verfilmung ein Begriff. Es ist das letzte Lied des Boardorchesters bevor das Schiff sinkt. Auch der Gründer des Fernsehsenders CNN, Turner, kündigte an, dass CNN bis zum Weltuntergang senden werde und das letzte Lied vor der Abschaltung wird „Nearer my God to thee“ sein.
Mit Jesu Tod ging sicher für viele seiner Weggefährten die Welt unter. Wenn wir mit dem Tod eines geliebten Menschen konfrontiert werden, geht für uns eine Welt unter.
Der Karfreitag erinnert uns nicht nur an das Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus, er rückt auch diesen Schmerz über das unweigerlich kommende Ende in unser Bewusstsein.
Welch tröstende Vorstellung im Angesicht des Todes da schon der erste Vers des Chorals bereithält – näher mein Gott zu dir. Es ist Ausdruck einer tiefen Hoffnung, dass mit dem Tod nicht das absolute Ende greift, dass der Tod nicht der tiefe Fall ins Nichts bedeutet, sondern dass der Tod ein Eingehen ist, in die unmittelbare Nähe Gottes.
Die Hingabe seines eigenen Sohnes am Kreuz, die Tatsache, dass Gott Jesus das Ende nicht erspart hat, ist Zeichen der unbegreiflichen Liebe, die er gegenüber uns Menschen hat. Es ist diese unendliche Liebe, die uns - frei nach Karl Rahner - die Gewissheit schenkt, dass wir in unserer tiefsten Nacht noch immer von Gott gehalten sind.
Indem Jesus das Kreuz für uns auf sich nimmt, indem er den Tod auf sich nimmt, öffnet er das Tor für uns in eine andere Wirklichkeit: Näher mein Gott zu dir.

Rebekka Redinger-Kneißl, Theol. Referentin im Haus der Begegnung


Ludwig Raischl
Da er die Seinen liebte
Gründonnerstag Joh 13,1-15

Dieses wunderbare Photo der hell erstrahlten Kathedrale von Reims, in der Nacht aufgenommen von Hans Mitterer, fasziniert und zieht in den Bann. Die gesamte Heilsgeschichte ist in Szene gesetzt an der Fassade. Der Bau ist fest gegründet und ragt gen Himmel, die ganze Architektonik verweist nach „oben“. In der dunklen Nacht erscheint der erleuchtete Kirchenbau noch intensiver.
Beim Betrachten des Bildes kommt mir das Grünabendmahlsgeschehen in den Sinn. Wie im Brennglas leuchtet der Grund des Kommens Jesu in unsere Welt scharf auf. Aus purer Liebe, aus Liebe bis zum Ende ist er Mensch geworden, da er die Seinen liebte (Joh 13,1b). Er ist „herabgestiegen“ zu uns, die Waschung der Füße versinnbildlicht diesen Herunterkommen noch einmal. Sein Liebesweg führt noch weiter nach unten bis in das Reich des Todes.
Zwei menschliche Reaktionen auf dieses Herunterkommen werden im heutigen Evangelium berichtet. Die eine Reaktion ist die des Judas. Vom Teufel ist die Rede, Dunkelheit erfüllt das Herz des Judas. Ob aus Enttäuschung oder aus Gier, die Gründe des Verrates bleiben bis ins Letzte im Dunklen. Nacht pur!
Die zweite Reaktion wird von Petrus erzählt. In seiner Direktheit will er sich von seinem Herrn auf keinen Fall die Füße waschen lassen. Er will nicht, dass sich Jesus klein macht vor ihm. Erst im Nachhinein wird Petrus klar, dass die Weise des Dienens im Letzten keine Erniedrigung darstellt, sondern ein Akt der Liebe ist. Wie notwendig diese dienende, lateinisch ministeriale, Haltung gerade auch in der gegenwärtigen Zeit ist, steht außer Zweifel. Immer wieder führen Spuren der unverantwortlichen Machtausübung sowohl in der Kirche wie auch in Politik und Gesellschaft ins Dunkle. Nacht pur!
Jesus nimmt diese Dunkelheit auf, nach dem Abendmahl ringt er am Ölberg mit sich und seinem Vater um diesen Weg der Liebe bis zum Ende, bis zur Vollendung. Für Jesus ist es der Weg des Hinübergehens zum Vater: durch den Tod zum Leben, vom Dunkel ins Licht. Leichter ist es nicht gegangen. Das Photo zeigt uns die Strahlkraft dieses Tuns. Gott sein Dank! Es mag den Unterschied zwischen Petrus und Judas ausmachen, dass sich der eine lieben lassen konnte, der andere nicht.
Eine Gründonnerstagsfrage lautet: Wie geht‘s mir mit dem “Sich lieben lassen“?


Ludwig Raischl, Direktor Haus der Begegnung HEILIG GEIST


Rebekka Redinger-Kneißl
Achterbahnfahrt der Gefühle
Palmsonntag, 28.3.-3.4.2021

Die zwei Lesungen aus dem Markusevangelium, die uns an diesem Palmsonntag geschenkt werden, nehmen uns mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt.
Da ist zunächst der Einzug nach Jerusalem. Die Leute laufen auf die Straße, um Jesus zu sehen. Sie ziehen ihre Kleider aus, um ihm den Weg zu ebnen. Heute würde man sagen, sie rollen den roten Teppich für ihn aus. „Hosanna! Hosanna!“ – so schallt es durch die Luft. „Herr, hilf uns!“ Adrenalin pur, eine Welle der Begeisterung, die Jesus trägt. Denn mit ihm zieht der Retter ein.
Auch wir dürfen Jesus zujubeln, dürfen andere mit unserer Begeisterung anstecken. Ja, wir dürfen lebendige Zeugen sein. Und - sogar unser letztes Hemd dürfen wir vor ihn hinlegen. Wir dürfen uns vor Jesus die Blöße geben, denn er wird uns retten.

Von dieser Rettung erzählt uns dann die Passion.
Die Stimmung kippt. Die Begeisterungsstürme machen Platz für Verrat, Angst, Verzweiflung, Wut und Ohnmacht. Am Ende ist der rote Teppich eingerollt, der Weg steinig und vom Blut durchtränkt. Die jubelnde Menge weicht einem wütenden Mob, der „Kreuzige ihn!“ statt „Hosanna!“ ruft. Und diesmal ist es Jesus, der trägt. Er trägt das Kreuz, das mit der Schuld und dem Versagen der gesamten Menschheit beladen ist.
Auch wir stehen da am Wegesrand mit unseren Versäumnissen und drücken das Kreuz nach unten. Dort wo wir einander die Liebe schuldig bleiben, da erschweren wir den Weg. Wir müssen hilflos zusehen.

Vergönnt uns denn der Palmsonntag nicht, dass wir Jesus einfach nur feiern? Dass wir das Leben mit ihm genießen? Muss denn das Leiden und Sterben, das „grausige Ende“ gleich wieder erwähnt werden?
Der Palmsonntag steht unter Spannung. Diese Ambivalenz gilt es auszuhalten. Denn nicht beim Bad in der Menge, wird unsere Rettung offenbar, sondern in der dunkelsten Stunde – wenn das nicht der eigentliche Grund zum Jubeln ist.



Rebekka Redinger-Kneißl, Theol. Referentin im Haus der Begegnung


DK Dr. Anton Spreitzer
Beziehung - Quell unseres Lebens
Gedanken zum 5. Fastensonntag

Einsamkeit – wohl wenige Worte bringen die Situation vieler Menschen in den zurückliegenden Monaten der Corona-Krise treffender auf den Punkt.
Doch ist das „Phänomen Einsamkeit“ nicht erst seit Corona in der Welt.
Viele, die sich mit der geistigen Konstitution unserer Gesellschaft und Kultur beschäftigen, attestieren unserer westlichen Lebensweise eine weite Verbreitung von Einsamkeit.
Dabei ist es unerheblich, ob man in einer Großstadt mit ihren Menschenmassen lebt, in kleineren Konglomeraten oder in einem Dorf – die rein quantitative Zuhandenheit von Menschen ist noch kein Gradmesser für Einsamkeit.
Warum?
Weil es für uns Menschen nicht auf die Quantität, sondern auf die Qualität unserer Beziehungen ankommt.
Auch das ist eine Erkenntnis, die längst schon vor Corona auf dem Tisch lag, uns aber unter den gegenwärtigen Umständen spürbarer bewusst wird als zuvor.
„Social Distancing“ als Heilmittel für das Überleben – wer hätte sich das als Motto für die ganze Weltgesellschaft noch vor einem Jahr vorstellen können! Und noch ist nicht absehbar, wie lange dieses Motto noch in Geltung bleiben wird.

Sicher, die Abstandsregel ist eine äußerst wirksame Gegenstrategie zur Bekämpfung der Pandemie. Und nur Verantwortungslosigkeit (sich selbst und anderen gegenüber) kann Menschen veranlassen, diese Regel nicht zu beachten.
Dennoch: Was mit uns als Menschen passiert, wenn wir über einen längeren Zeitraum so leben, wird uns je länger die Pandemie anhält je mehr bewusst.
Es zeigt sich, dass das, was wir als Christen vom Menschen glauben, doch nicht einfach nur irgendwie ausgedachtes kluges Gerede ist. Vielmehr macht uns Corona – vielleicht so deutlich wie nie zuvor – bewusst, wie wahrhaftig der christliche Glaube den Menschen sieht: fundamental als Beziehungswesen, das nicht nur vom Brot allein lebt.
So wichtig wie die Nahrung für den Leib ist die Nahrung, die dem ganzen Menschen Kraft gibt: Worte, Gesten, Berührungen, erfahrene Gemeinschaft, Begegnung usw. Das sind keine netten Zutaten zum „Eigentlichen“ des Menschen. Die geistig-geistliche Existenz ist mindestens ebenso „eigentlich“ menschlich wie seine physische.

Von Einsamkeit spricht Jesus auch im heutigen Evangelium:
„Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ (Joh 12,24)
Es ist eines der tiefen Worte, die uns die eigene Logik präsentiert, unter die sich der stellt, der Jesus nachfolgt.
Einsamkeit wird nicht überwunden durch äußere Anhäufung oder Vermehrung (Quantität), sondern durch – HINGABE!
Wer bei sich bleibt, mag auf seine Kosten kommen – aber nur bis zum Ende seiner Tage. Das kann nur den befriedigen, der an kein ewiges Leben glaubt oder glauben will.
Doch Jesus lehrt uns ganz unzweideutig: dieses Leben zwischen leiblicher Geburt und leiblichem Tod ist nicht alles; es ist ein Abschnitt, ein Durchgang, eine Passage in etwas Größerem, etwas, das über den Tod hinaus- und in das hineinreicht, was wir „Ewigkeit“ oder „Himmel“ nennen – und das ganz wesentlich damit zu tun hat, dass dort unsere BEZIEHUNG zu Gott, dem Quell unseres Lebens, in ihrer ganzen Tiefe und Erfüllung offenbar wird!
Jesu Logik aber ist nicht nur eine Sache des „Danach“. Jetzt schon ist es an uns, nach ihr zu leben, sie zu realisieren: „Wer sein Leben liebt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.“ (Joh 12,25)

Einsamkeit ist tödlich.
Sie „zer-nicht-et“ nicht nur unser Leben diesseits der Todesgrenze, sondern auch das jenseits derselben.
Wo Einsamkeit grassiert, bleibt nichts mehr übrig von uns.
Corona ist vielleicht eine heilsame, wenn auch schmerzhafte und leidgesättigte Erinnerung an etwas Entscheidend-Christliches:
Die Qualität unseres Lebens, die Qualität unserer Jesusnachfolge hängt an der Qualität unserer Beziehungen – zu Gott und zum Nächsten. Und zu uns selbst.


DK Dr. Anton Spreitzer, Domkapitular, Leiter Hauptabteilung Bildung und Evangelisierung im Bistum Passau

Bild: Jose Carlos Pinheiro (Bild, Detail) / arteportasabertas.com / Peter Weidemann (Foto) In: Pfarrbriefservice.de


Dr. Heike Hötzinger
Entschieden werden
4. Fastenwoche 14.-20.3.2021

Wie geht es mir mit Entscheidungen? – Manche fallen mir leichter, manche schwerer und werden deshalb auch hinausgezögert. Dann frage ich mich eventuell, warum ich mich überhaupt entscheiden muss? Wenn aber eine schwerere Entscheidung getroffen ist, merke ich, dass sie mich erleichtert, weil sie mir Klarheit, Halt und Orientierung gibt und mir ermöglicht, Ziele verfolgen zu können.
Auch Jesus spricht im heutigen Evangelium in gewisser Weise über Entscheidungen und darüber ‚entschieden zu werden’, wenn er zu Nikodemus über sich selbst als Menschensohn und über himmlische Dinge redet, die in der Zukunft liegen. Dabei beginnt er mit zwei unglaublich hoffnungsvollen Zusagen:
(1) Jeder, der an den Menschensohn bzw. an Jesus als Sohn Gottes glaubt, soll ewiges Leben haben (Joh 3,14.15.16).
(2) Gott hat seinen Sohn in die Welt gesandt, damit die Welt durch ihn gerettet wird (Joh 3,17).
Erst danach spricht Jesus vom Gericht, also einer Instanz, in der Entscheidungen gefällt werden, ‚entschieden wird’. Auch dabei beginnt Jesus erneut mit der positiven Aussage: Wer an den Sohn Gottes glaubt, wird nicht gerichtet (Joh 3,18). Allerdings fügt er auch das negative Pendant hinzu: Wer nicht glaubt, ist schon gerichtet (Joh 3,18). Diese beiden Kontraste werden zusätzlich durch die Schilderung des Gegenübers von Licht und Finsternis bzw. bösen Taten und Tun der Wahrheit veranschaulicht (Joh 3,19-21). Mit diesen stark kontrastierenden Polen zeigt Jesus uns also auf, für welche Seite wir uns ‚entscheiden’ sollen, um nicht gerichtet zu werden, sondern um ewiges Leben zu haben: Wir sollen an Jesus, den Sohn Gottes glauben, das heißt ‚entschieden’ werden (so bedeutet auch das griechische Wort pisteuo, nicht nur „glauben“, sondern auch „fest überzeugt sein“). Damit ist zugleich nämlich schon das Gerichtsurteil für den Glaubenden ‚entschieden’: Ewiges Leben.
Deutlich wird damit also, dass unsere Entscheidungen, unser Glaube im Hier und Jetzt und unser entsprechendes Handeln absolut ‚entscheidend’ für die Zukunft, ja sogar für das (End-) Gericht sind.
Entscheidungen kosten allerdings auch Mut und benötigen Vertrauen. Wenn Jesus aber ewiges Leben und Rettung der Welt als Ziel für die Glaubenden vor Augen stellt, gibt das Hoffnung und macht Mut. So wünsche ich uns viel Mut und Vertrauen, um zu glauben und damit ‚entschieden zu werden.’


Dr. Heike Hötzinger, Dr. Theol., Familienfrau


Ludwig Raischl
Ob es reicht?
3. Fastenwoche, 7.-13.3.2021

Joh 2, 13-25
„Ob es reicht?“ – diese Frage stand bei der online-Begegnung mit der Bibel plötzlich im Raum. Und es folgte eine lange Stille. Zum Glück hatte niemand aus der Runde eine schnelle Antwort parat, welche die Tiefe dieser Frage nicht ausloten hätte können. Denn diese Frage will ernst genommen werden.
Ob es reicht – eine zutiefst menschliche Frage. Da ist die Athletin, die beim Wettkampf im Zielraum abgekämpft und außer Atem bange auf die Anzeige schaut, ob es für eine gute Platzierung gereicht hat. Da wartet die Klasse auf die Verkündigung des Prüfungsergebnisses und hofft, dass der Abschluss erfolgreich bestanden ist. Da ist das Kind, das eine häusliche Arbeit zu erledigen hat und unsicher ist, ob die Eltern nun auch zufrieden sind.
Da sind die Menschen, die im Tempel von Jerusalem ein Tier- oder Geldopfer geben aus Dankbarkeit oder als Bitte oder einfach, weil es vorgeschrieben ist. Und da sind die Händler, die daraus ein Geschäft machen. Jesus sieht das und jagt die Händler, nicht die Menschen mit ihren Anliegen, aus dem Tempel.
Was erzürnt Jesus so stark? Nicht, dass die Leute mit dem Ihren zum Allerheiligsten kommen, dass sie etwas geben oder zurückgeben wollen und hoffen, dafür etwas zu bekommen. Nein. Jesus erzürnt der Handel, das Geschäft und die Betriebsamkeit dazu, der den Blick auf das Allerheiligste verstellt. Er will uns weiter- und hineinführen in den Tempel, in das Haus des Vaters, wie es heißt. Jesus geht es um die Begegnung mit dem himmlischen Vater. Dieser Begegnung darf nichts im Weg stehen. Im Haus des Vaters ist der Platz für das Sehen und Gesehen werden und es ist auch Platz für die persönliche Frage, ob es reicht.
Jesus geht mit seiner bildlichen Antwort auf die kritische Nachfrage der Juden noch weiter: in drei Tagen werde ich den Tempel meines Leibes wiederaufbauen. Er gibt sein Leben für uns, er lässt sich ans Kreuz schlagen, er geht hinab in die tiefste Tiefe des Todes und wird auferweckt am dritten Tag. Jesus lenkt den Blick bei der Frage, ob es reicht, weg von unseren Leistungen. Er antwortet mit seinem Leben und bietet uns so eine Lösung an - Erlösung.


Ludwig Raischl, Direktor Haus der Begegnung HEILIG GEIST

Foto: Hans Mitterer


Dr. Annette Langner-Pitschmann
Wenn Gott sich zeigt
2. Fastenwoche 28.2. - 6.3.2021

Vor kurzem – siehe Markus 8 – war noch alles ganz anschaulich und normal. Jesus saß mit seinen Jüngern beieinander und sprach mit ihnen darüber, was es mit dem Reich Gottes auf sich hat. Heute, „sechs Tage danach“, werden wir Zeuginnen und Zeugen einer Szene, die dagegen wirkt wie ein Traum. Nachdem er mit drei Jüngern auf einen hohen Berg gestiegen ist, wird Jesus auf unerklärliche Weise verwandelt. Mose und Elija – Figuren aus der fernen Vergangenheit – treten auf; alle Beteiligten werden von einer Wolke überschattet, aus der eine Stimme zu hören ist, bevor der Zauber schließlich mit einem Schlag vorüber ist.
Die Szene hat ein Vorbild im Buch Exodus (24), wo Mose mit ausgewählten Begleitern den Sinai besteigt, um dort nach sechs Tagen des Wartens die Stimme Gottes aus der Wolke zu hören. Dort nutzt Gott seinen starken Auftritt, um Mose detaillierte Anweisungen zur Architektur des geplanten Heiligtums zu geben. Hier, in der Markuserzählung, fasst er sich deutlich kürzer: „Dies ist mein geliebter Sohn. Auf ihn sollt ihr hören.“
Das eigentliche Thema Gottes ist in beiden Fällen das Gleiche: Die Menschen sollen wissen, in welcher Weise er unter ihnen wohnen möchte. Das Heiligtum des Exodus und die Person Jesu gleichen sich darin, dass sie Berührungspunkte zwischen Gott und Mensch sind.
An der Erzählung von Markus fasziniert mich dabei zweierlei. Zum einen legt sie nahe, dass wir Gott dann begegnen, wenn wir „auf Jesus hören“. Nicht die Anbetung oder der Dienst stehen an der allerersten Stelle der Gottesbegegnung, sondern die ungeteilte Aufmerksamkeit für das Wort. Aus dieser Aufmerksamkeit folgt alles andere.
Zum anderen berichtet Markus nicht einseitig von der spektakulären Inszenierung Gottes, sondern zugleich auch von der hemmungslosen Überforderung des Menschen. Ganz ruhig kommentiert er den einigermaßen sinnlosen Vorschlag des Petrus, drei Hütten zu bauen, mit den Worten: „Er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte.“
Gott lässt uns nicht allein mit der Frage, wie wir seine Nähe suchen können. Sollten wir uns vor dieser unerwarteten Begegnung zunächst einmal in eine Übersprungshandlung retten, so wissen wir dank Markus’ Hinweis: Das ist normal. Ich finde, das sind zwei ausgesprochen menschenfreundliche Gesten, die uns spüren lassen, dass die Szene auf dem Gipfel in all ihrer Rätselhaftigkeit genau für uns gemacht ist.


Dr. Annette Langner-Pitschmann, Professorin für Theologie in globalisierter Gegenwart


Josef Fischer
Mit Jesus, mit Tieren und mit Engeln
1. Fastenwoche 21. - 27.2.2021

Jedes Jahr gibt’s die Zeit der Chance. Vierzig gewöhnliche Tage gehen eigens her. Wie’s mir heuer geht mit ihnen oder, besser gesagt: mit mir…
Wie ist es denn Jesus ergangen? Er fand sich vor. Unspektakulär. >Und er war in der Wüste vierzig Tage, versucht werdend vom Satan<. Dorthin hatte ihn die reine, unwiderstehliche Kraft der Liebe Gottes, der Heilige Geist, getrieben. Jesus, ein Getriebener also. Wer oder was treibt nun mich? So dass ich in die Herausforderungen und Erprobungen gerate. Wo ich viel zu hören bekomme und eins davon auswähle: Werde wach. Lebe auf. Gebrauche deine Sinne. Schau um dich und geh in dich. Mach dir nix vor. Sei auf der Hut. Stell dich ein. Lass zu, dass dir die Wirklichkeit begegnet. Halte dein Leben aus. Mensch, werde wesentlich. Lerne lieben. Es kann sein, dass ich auf einmal ausrufe: Deife, Deife. Dann soll ich mich nicht drausbringen lassen. Das möchte der Satan. Aber Gottes guter Geist steht hinter allem. –
Jesus war nicht nur in der Wüste. >Er war bei den Tieren<. Weiß der Evangelist Markus. Früher haben wir manchmal in der Runde gespielt: Was wäre die (zu erratende) Person, wenn sie ein Tier wäre? Vorsicht, das Spiel ist ernst. Sonst wäre es ja kein Spiel. Bin ich hier im Zoo, frage ich mich dann und wann? Was sollen all die Viechereien? Jesus, der über alle Maßen Menschliche, er hält es beim Tierischen aus. Hat er es integriert? Der Gottessohn? –
>Und die Engel dienten ihm<. Sie sagen mir wie damals Jesus: Wir hüten dich. Sei du nur selber auf der Hut (sieh oben). Wie gut, dass es die Engel gibt. Nicht nur für jedes Kind, das in dieser Welt sein Nest sucht. Für jeden Menschen. Für die Verstorbenen: >Zum Paradies mögen Engel dich geleiten<, singen wir ihnen auf dem Weg zum Grab. Für die ganze Schöpfung.-
Vierzig Tage ist nun Zeit. Es heißt nicht: Die Zeit läuft mir davon. Es ist zu wenig Zeit. Nein, es heißt: die Zeit ist erfüllt. Freu dich in ihr. Zeit ist in Fülle. Das Reich Gottes ist nahe. Also, was liegt näher, als dass ich mit anderen zusammen umkehre und an das Evangelium glaube.


Josef Fischer, Domkapitular em.


Ludwig Raischl
Sich berühren lassen und berühren
7. Kalenderwoche 14.-20.02.2021

Mk 1,40-45
Es gibt Geschichten, die einen berühren. Eine solche wird heute erzählt. Ein Aussätziger kommt ins Spiel. Einer, von dem eine Ansteckungsgefahr ausgeht und der deswegen abgesondert leben muss – über Jahre, meist ein Leben lang. Er hört von Jesus, der heilend unterwegs ist und der ihn, den Unreinen, rein machen kann. Das weckt seine Lebenskräfte, er rafft sich auf, er überwindet die Isolierung und kommt zu Jesus. Er drängt sich geradezu auf.
Wie reagiert Jesus? Als Erstes lässt er sich berühren. Das Leid des Aussätzigen lässt ihn nicht kalt. Wörtlich heißt es, dass es Jesus bis an die Eingeweide, bis ins Innerste geht. Es ward ihm weh ums Herz angesichts des Elends, das ihm gegenübersteht. Das tut gut zu erfahren, dass uns in Jesus ein Mensch durch und durch begegnet, der sich in die Not einfühlt und nicht hinter Vorschriften zurückzieht. Jesus, ganz Mensch! Als Zweites berührt er den Aussätzigen. Jesus scheut den Kontakt nicht, er lässt körperliche Nähe zu. Es geschieht Begegnung. Jesus kommt dem Aussätzigen nahe. Der Aussätzige seinerseits hält dies aus und lässt sich berühren. Schließlich spricht Jesus ein Wort, klar und wirksam: Ich will, werde rein! In diesem Wort begegnet uns eine andere Wirklichkeit, die über das rein menschliche Verstehen hinausgeht. Hier begegnet uns Jesus, durch den Gott selber spricht!
Eine berührende Geschichte! Und Berührung ist wichtig, besonders in diesen Tagen, in denen uns oft Distanz auferlegt ist. Vielleicht finde ich mich im Aussätzigen wieder an einem Punkt, wo ich nicht mit mir im Reinen bin. Oder ich sehe mich in der Spur Jesu und lasse mir eine konkrete Not nahe gehen. Wenn dann noch ein aufbauendes Wort über die Lippen käme, das wär ja wunderbar!


Ludwig Raischl, Direktor Haus der Begegnung HEILIG GEIST

Foto: Hans Mitterer


Dr. Annette Langner-Pitschmann
Gekommen, um zu befreien
6. Kalenderwoche 7.2. - 13.2.2021

Die ganze Stadt vor der Tür – und alle erhoffen sich von Jesus die Heilung von ihren körperlichen und seelischen Leiden. Jesus beantwortet diese geballte Hoffnung auf unterschiedlichen Wegen. Zunächst einmal erfüllt er die hohe Nachfrage und heilt immerhin „viele, die an allen möglichen Krankheiten litten“. Dann aber kommt ein Moment, in dem er sich gegen die Erwartungen abgrenzt und sich zum Gebet zurückzieht. Schließlich entscheidet er, die Menge der hoffenden Menschen stehen zu lassen und seine Verkündigung in den Nachbardörfern fortzusetzen.

Was aber ist das für eine Entscheidung? Auf den ersten Blick kommt es mir vor, als ginge es um die Frage der richtigen Verteilung begrenzter Ressourcen. Dann hieße die Botschaft: Im Dienst am Menschen ist es wichtiger, dass ein möglichst großer geografischer Radius abgedeckt wird, als dass an einem einzelnen Ort möglichst alle erreicht werden.

Beim näheren Hinsehen scheint allerdings ein ganz anderes Motiv hinter Jesu Entscheidung zu stehen. Sein Ziel ist es nicht, im Alleingang möglichst viele Menschen von ihren Leiden zu erlösen. Sein Ziel ist es, durch sein Wort und seine Taten möglichst viele Menschen dazu zu bewegen, zur Heilung und zur Befreiung anderer Menschen beizutragen. Jesus dient, um uns zum Dienst an Anderen zu befähigen.

Jesus legt in dieser Entscheidung eine beneidenswerte Klarheit an den Tag: „Dazu bin ich gekommen“. Diese Klarheit mag es übrigens auch gewesen sein, aus der heraus die Schwiegermutter des Petrus den direkten Weg vom Krankenbett zum Dienst in der Küche nimmt (auch wenn ich persönlich finde, sie hätte sich nach der schnellen Heilung durchaus erst einmal Zeit für sich selbst nehmen sollen). Diese Klarheit darüber, wozu wir gekommen sind und wo unser Dienst hier und heute beginnen sollte, wünsche ich uns von Herzen.

Dr. Annette Langner-Pitschmann, Professorin für Theologie in globalisierter Gegenwart


Josef Fischer
Von einem, der eins mit sich ist
5. Kalenderwoche 31.1. - 6.2.2021

Mk 1,21-28
Wie hätten Sie’s denn gern? So kann man beim Einkaufen im Metzgerladen gefragt werden oder wenn man im Gasthaus sein Essen bestellt: Medium oder durch? Dass die Einzelnen zu ihrem Recht kommen und nach Wunsch bedient werden, das ist im Interesse des Kunden und des Anbieters. –
Wie wird denn hier gelehrt? Fragt so, wer für eine wirkliche Botschaft steht, wer wirklich etwas zu sagen hat? Von Jesus heißt es, als er in der Synagoge von Kafarnaum auftritt, dass er lehrt, wie einer der Vollmacht hat und nicht wie die Schriftgelehrten. Wie sind sie denn aufgetreten, die Schriftgelehrten? Korrekt, ordentlich, so dass du nicht ankommst gegen sie? Oder rechthaberisch und selbstgerecht wie die Besserwisser zu allen Zeiten? Oder auch begütigend und besänftigend, um nur ja niemandem zu nahe zu treten? Wir wissen es nicht. Jesu Auftreten jedenfalls ist von anderer Qualität. Er richtet sich nicht nach dem, wie man‘s gerne hätte. Er hat eine Botschaft und er ist eins mit ihr. Und eins mit sich. So was hat man noch nicht erlebt gehabt, in Kafarnaum, bis dato. So was, oder besser: so jemanden. Kein Wunder, dass sie außer sich geraten, die guten Leute von Kafarnaum. -
Und da ist noch ein anderer, der außer sich ist, in ganz anderer Weise außer sich, der nicht bei sich selbst, nicht Herr seiner selbst ist, ein Mann mit einem unreinen Geist. Der kommt bei Jesus an den rechten. Jesus, der ganz bei sich ist, gibt den zerrissenen und entfremdeten Menschen sich selbst zurück, macht ihn wieder heil. Kein Wunder, dass sie alle erschrecken. Sie waren ja nur in die Synagoge gekommen, wie immer, und dann so was. –
Wer in die Kirche kommt, begegnet hoffentlich Jesus. Damit ist zu rechnen. Wer mit Jesus in Kontakt kommt, kommt möglicherweise zu sich. Das ist drin. Vielleicht anders als man’s für gewöhnlich gerne hätte. Aber so, dass es guttut.


Josef Fischer, Domkapitular em.

Foto: Hans Mitterer


Ludwig Raischl
Erfüllte Zeit
4. Kalenderwoche, 24. - 30.1.2021

Mk 1,14-20

Die Zeit! Wir alle haben unsere Erfahrungen mit ihr. Da läuft die Zeit davon. Vor allem, wenn etwas bis zu einem gewissen Datum fertig sein muss: in der Arbeit eine Aufgabe oder privat ein Antrag, der eilt, oder ein Gespräch, das man liebend gern hinausschieben würde … . Im Gepäck tragen viele ungute Erinnerungen an Prüfungen mit sich, die beim bloßen Drandenken noch Angstgefühle hochsteigen lassen, weil man mit einer Aufgabe nicht fertig geworden ist. Die alten Griechen nannten diese Zeit Chronos, die Zeit, die nicht anzuhalten ist und gnadenlos verrinnt.

Jesu erste Worte im Markusevangelium drehen sich auch um die Zeit. Erfüllt ist die Zeit, ruft er den Menschen damals zu. Für Zeit steht hier das Wort Kairos. Der Kairos ist die Zeit, die beim Schopf gepackt werden will. Der Kairos ist die gute Gelegenheit, die nicht versäumt werden darf. Auch diese Erfahrung ist uns nicht fremd. Plötzlich ist ein Augenblick da, in dem es einfach schön ist. In einer Begegnung stellt sich gegenseitiges Verstehen ein. Das tut gut und stärkt. Wenn sich zwei Menschen kennen und lieben lernen, wenn es „gefunkt“ hat, dann ist der Kairos da. Mit Jesus kommt uns diese günstige Gelegenheit zur wahren Begegnung nah. Auch heute ruft er uns Menschen zu: Erfüllt ist die Zeit! Dieser Zuruf gilt allen, besonders denen, die mitten in bedrängenden Chronoserfahrungen stecken und die nicht aus dem Hamsterrad des Immer-Schneller und Immer-Mehr herauskommen. Wem Jesus begegnet, für den bleibt die Zeit stehen und es wird erfüllte Zeit. So ist auch zu verstehen, dass Andreas und Petrus beim Ruf Jesu alles liegen und stehen lassen und mit ihm gehen. Sie werden zu Menschenfischern, die andere in diese Erfahrung mit Jesus führen wollen, in der die Zeit wie still zu stehen scheint und erfüllt ist.

Der aktuelle Lockdown bietet die günstige Gelegenheit, sich Augenblicke der Ruhe zu gönnen, in der Stille ein Wort Jesu zu hören und mit ihm in ein vertrautes Gespräch einzutreten, von Herz zu Herz, wo alles gesagt werden darf. Dieser Kairos bietet sich auch in dieser Woche an. Erfüllte Zeit eben!


Ludwig Raischl, Direktor im Haus der Begegnung Heilig Geist


Brigitta Neckermann-Lipp
Wo wohnst Du?
3. Kalenderwoche, 17. - 23.1.2021

Joh 1, 35-42
Ich finde das immer interessant, zu sehen wo und wie jemand wohnt. Die Einrichtung, die Bücher, die im Regal stehen, die CD-Sammlung, … sagen etwas aus – und leicht kommt man darüber miteinander ins Gespräch. Und darum geht es ja: in Beziehung zueinander zu kommen.
„Wo wohnst du?“ fragen zwei Jünger Jesus bei ihrer ersten Begegnung. Jesus nennt ihnen nicht die Straße oder das Haus, sondern lädt sie ein zur Begegnung: „Kommt und seht“. Die beiden Jünger müssen sich bei Jesus daheim wohlgefühlt haben und vermutlich hat es sie beeindruckt, was sie erlebt haben, schließlich sind sie den ganzen Tag geblieben und erzählen später auch anderen davon.
„Komm und sieh!“, sagt Jesus auch zu mir und lädt mich ein, zu ihm „nach Hause“ und mit ihm in Beziehung zu kommen. Ein Besuch bei einem Menschen kann verschiedene Anlässe und Formen haben. Und so kann auch mein Kommen dorthin, wo Jesus “wohnt“, unterschiedliche Formen haben: z.B. mich mit seinen Taten und Worten beschäftigen, indem ich einen Abschnitt in der Bibel lese, im Gottesdienst ihm nahe sein, ihn auf einen Spaziergang mitnehmen und ihm erzählen, was mich gerade beschäftigt, ihn in jedem Menschen sehen, der mir begegnet …
Wann lasse ich mich in dieser Woche zu Jesus “daheim“ einladen?!
Vielleicht mag ich in dieser Woche auch mit jemandem Kontakt aufnehmen und eine „Wohnungsfrage“ als Aufhänger nützen: „Blüht bei dir der Weihnachtskaktus wieder so schön?“ oder „Hast du eigentlich das neue Buch von xy? Wie findest du es?“ …

Brigitta Neckermann-Lipp, Referentin im Haus der Begegnung

Foto: Hans Mitterer